Pfeifen, Brummen, Rauschen - und kein Ende
Was hilft gegen Tinnitus?
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Pfeifen, Brummen, Rauschen oder ein hoher Dauerton – Tinnitus klingt für jeden anders. Manchmal ist er nur ein leises Hintergrundgeräusch, manchmal fühlt man sich ihm völlig ausgeliefert. Besonders belastend sind oft die Fragen: Bleibt das für immer? Halte ich das aus?
Solche Gedanken sind verständlich, aber sie bedeuten nicht, dass der Tinnitus Ihr Leben bestimmen muss. Denn Tinnitus ist keine Einbildung, sondern eine „auditorische Phantomwahrnehmung“: Das Gehirn hört etwas, obwohl von außen kein Klang kommt.
Die gute Nachricht: Sie sind nicht hilflos. Auch wenn ein Tinnitus nicht immer vollständig verschwindet, kann er seine Bedrohlichkeit verlieren und wieder in den Hintergrund treten.
Um Sie dabei zu unterstützen, haben wir zwei Apps entwickelt – eine zur Aufmerksamkeitslenkung bei Tinnitus sowie eine für Atem- und Entspannungstraining.
Einen züigen Überblick über das Thema Tinnitus finden Sie in drei Videos unten auf der Seite.
Beschwerden
Tinnitus (wörtlich „Geklingel“) heißt das Phänomen, wenn das Gehör selbst Geräusche zu produzieren scheint, die Tag und Nacht einen Menschen bedrängen können. 40 % aller Menschen leiden im Verlauf ihres Lebens unter den Beschwerden. 10-20 % sind dauerhaft betroffen.
Tinnitus ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, ähnlich wie Kopfschmerzen oder Zahnschmerzen, und kann zahlreiche Ursachen haben. Nicht in jedem Fall ist Tinnitus krankhaft. In einem schalltoten Raum hören praktisch alle Menschen ein gewisses Pfeifen oder Rauschen.
Auch wenn ein Tinnitus bei den meisten Menschen folgenlos abklingt, sind andere sehr hartnäckig betroffen. Medikamente helfen wenig bis nichts und irgendwann fällt der Satz: "Damit müssen Sie sich abfinden."
Stimmt das? Was steckt hinter dem Tinnitus? Und was lässt sich tun?
Auslöser
Ein Tinnitus kommt in der Regel nicht aus blauem Himmel. Typische Auslöser sind anhaltender Stress, Infekte, Entzündungen oder ein lautes Geräusch, etwa die Explosion eines Knallfrosches. Oft kommen mehrere Ursachen zusammen.
Häufig ist auch der Hörsturz, eine plötzlich einsetzenden Schwerhörigkeit. Doch es gibt sehr viel mehr Krankheitsbilder, die zum Tinnitus führen können:
- Knalltrauma
- Hörsturz
- Lärmschwerhörigkeit
- Altersschwerhörigkeit
- Tumore
- Vergiftungen
- Otosklerose (Verkalkung der Gehörknöchelchen)
- Stoffwechselerkrankungen
- Erkrankungen der Halswirbelsäule
- Nierenerkrankungen
- Stress und Anspannung
Häufigkeit
Tinnitus ist häufig. Etwa jeder Vierte leidet darunter mindestens einmal im Leben über längere Zeit.
Ca. 1 Million Menschen mit Tinnitus in Deutschland benötigen eine Therapie, wobei jedes Jahr rund 250-350.000 Neuerkrankungen zu verzeichnen sind.
Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer.
Akuter und chronischer Tinnitus
Weitgehend normal ist der kurzfristige Tinnitus. Plötzlich piepst es im Ohr. Solche Ereignisse sind nicht selten und verschwinden in der Regel nach wenigen Minuten. Je nach Dauer unterscheidet man verschiedene Formen:
- bis drei Monate Dauer: akuter Tinnitus
- drei bis 6 (oder 12) Monate Dauer: subakuter Tinnitus
- darüber: chronischer Tinnitus
Tonaler und nicht tonaler Tinnitus
Etwa die Hälfte der Betroffenen leidet unter einem tonalen Tinnitus, die andere Hälfte unter einem nicht-tonalen Tinnitus.
Tonal bedeutet ein Pfeifen, Klingeln, Summen, Zirpen usw. Die Töne sind meist sehr hoch im Bereich von 3000 Hz.
Nicht-tonal heißt: Rauschen, Brummen, Surren, Knacken, Knistern, Rumpeln usw.
Objektiver oder subjektiver Tinnitus
Man unterscheidet im Allgemeinen zwischen dem objektiven und dem subjektiven Tinnitus. Beim objektiven Tinnitus entstehen tatsächlich Geräusche z. B. durch strömendes Blut, Knacken beim Schlucken oder Muskelaktivität. Solche Geräusche kann ein Untersucher z.B. mit einem Stethoskop oder Mikrophon von außen registrieren.
Beim subjektiven Tinnitus findet sich einfach gar nichts. Es rauscht und pfeift ohne erkennbaren Grund. Das Geräusch ist durch eine gestörte Reizverarbeitung verursacht.
Eine weitere Einteilung betrifft den Schweregrad:
- Grad 1: kompensierter Tinnitus ohne Leidensdruck,
- Grad 2: kompensierter Tinnitus, der bei Stress und psychischen Belastungen als störend empfunden wird,
- Grad 3: dekompensierter Tinnitus mit dauernder Beeinträchtigung im privaten und beruflichen Bereich,
- Grad 4: Tinnitus mit völliger Dekompensation im privaten Bereich bzw. Berufsunfähigkeit.
Was sollte medizinisch abgeklärt werden?
Ein Tinnitus sollte ärztlich abgeklärt werden, besonders wenn er neu auftritt, einseitig ist, mit Hörverlust einhergeht, pulssynchron klingt, mit Schwindel verbunden ist oder wenn neurologische Symptome auftreten.
Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt kann prüfen, ob ein Hörverlust besteht, ob Hinweise auf eine seltene objektive Ursache vorliegen und ob weitere Diagnostik nötig ist.
In den meisten Fällen findet sich keine gefährliche Ursache. Das ist keine Enttäuschung, sondern eine gute Nachricht. Dann kann man sich auf die entscheidende Frage konzentrieren: Wie kommt das Nervensystem wieder aus der Alarm- und Tinnitus-Schleife heraus?
Ursachen
Unschuldiges Innenohr
Was beim Tinnitus auf neurophysiologischer Ebene geschieht, ist noch nicht vollständig geklärt. Lange Zeit richtete sich die Hauptaufmerksamkeit auf das Ohr selbst. Man ging von einer örtlichen Schädigung des Ohres aus. In verzweifelten Fällen wurde daher der Hörnerv durchtrennt, um den Patienten so zur ersehnten Ruhe zu verhelfen. Die schwer Betroffenen wollten lieber taub sein, als das unerträgliche Pfeifen weiter zu ertragen.
Doch die Erfolge blieben aus. Das Geräusch hielt trotz Taubheit an. Damit wurde deutlich, dass das Problem nicht im Innenohr, sondern in der folgenden Reizverarbeitung zu suchen ist.
"Fibromyalgie des Gehörs"
In neuerer Zeit haben sich die Theorien zur Entstehung des Tinnitus gewandelt. Sie ähneln sehr weitgehend der Erklärung von chronischem Schmerz. Ähnlich wie bei Schmerz wird das Hören erst durch eine Mischung aus Erregung und Hemmung möglich. Impulse gehen vom Ohr in Richtung Gehirn. Andere Signale gehen vom Gehirn in Richtung Ohr und sorgen dafür, dass Unwesentliches gehemmt wird.
Der Weg vom akustischen Ereignis bis zur Wahrnehmung verläuft über drei Stufen. Als erstes wird ein Schallereignis im Innenohr in einen elektrischen Strom umgewandelt.
Nun gelangt dieses Signal zu Hirnstamm und Thalamus und wird dort analysiert. Es wird mit abgespeicherten Geräuschen verglichen und einer Art von Mustererkennung unterzogen. Gleichzeitig gehen Fasern zum limbischen System und der Amygdala (Mandelkern), die eine emotionale Einfärbung bewirken. Diese emotionale Bedeutung ist sehr wesentlich für die Wahrnehmung. Unbedeutendes wird ausgeblendet, bedrohliche, gefährliche und unangenehme Signale haben als Warnsignale immer Vorrang. Erst danach erfolgt in einem dritten Schritt die bewusste Wahrnehmung.
Phantomwahrnehmung
Wer also sanft schlummert, dessen Gehör registriert sehr wohl die Geräusche der Straße oder des Wind in den Bäumen. Die Impulse werden aufgenommen und zum Thalamus geleitet. Bei der Analyse kommen die vorgeschalteten Hirnkerne zum Ergebnis, dass die Signale lange bekannt sind, und auch das limbische System zeigt kein gesteigertes emotionales Interesse. Als Ergebnis wird kein Weckreiz an das Bewusstsein geschickt. Der Schlaf wird nicht gestört. Nicht nur nachts wird so die große Mehrheit der Geräusche beständig aktiv ausgeblendet.
Anders bei einem leisen Quietschen, z. B. dem Öffnen der Schlafzimmertür. Auch das wird sofort identifiziert und als bedrohlich interpretiert. Mit einem Ruck ist der Schläfer wach und spürt am Herzklopfen, wie viel Adrenalin bereits ausgeschüttet wurde. Ähnlich schrecken junge Mütter auf, wenn ihr Kind nur leise wimmert.
Tinnitus wird als Fehlwahrnehmung oder auch „Phantomwahrnehmung“ verstanden, ähnlich dem Phantomschmerz. Bei der Entstehung mischen sich Ursachen im Innenohr, Thalamus und Bewusstsein.
Neben lauten Signalen (z. B. nach einer Explosion) ist die emotionale Färbung des Signals von entscheidender Bedeutung. Bedrohliche oder ängstigende Geräusche werden sehr viel intensiver wahrgenommen als wohltuende Musik. Auch die Aufmerksamkeit ist wesentlich. Wer auf den Tinnitus achtet, verstärkt ihn unwillkürlich
So kann Tinnitus als ein Teufelskreis verstanden werden. Am Anfang steht häufig eine äußere Ursache, die das vorübergehende Pfeifen oder Brummen auslöst. Durch Angst und Anspannung verstärkt sich dann die Problematik. Je mehr Stress dies für einen Menschen bedeutet, je mehr er darauf achtet, desto ungünstiger ist der Verlauf.
Diese Darstellung ist sicherlich vereinfacht. Doch wird in letzter Zeit deutlich, dass Tinnitus ebenfalls zum Kreis der zentralen Sensitivierungsstörungen gehört, wie Fibromyalgie und andere funktionelle Störungen.
Wir konnten in den letzten Jahren sehen, dass Atemstörungen bei Tinnitus sehr verbreitet sind.
Warum entsteht Tinnitus häufig bei Hörverlust?
Ein häufiger Auslöser für Tinnitus ist eine Schädigung des Hörsystems. Bei jüngeren Menschen kann dies Lärm sein: laute Musik, Kopfhörer, Konzerte, Knalltrauma oder beruflicher Krach. Bei älteren Menschen spielt häufig die Altersschwerhörigkeit eine Rolle.
Besonders oft sind die hohen Frequenzen betroffen. In der Cochlea, also der Hörschnecke, sind die Frequenzen geordnet. Hohe Töne werden eher im basalen Bereich verarbeitet, tiefe Töne weiter in Richtung Spitze der Cochlea. Gerade die Bereiche für hohe Frequenzen sind empfindlich gegenüber Lärm, Alterung und Stoffwechselstress.
Wenn nun aus einem bestimmten Frequenzbereich weniger Information im Gehirn ankommt, reagiert das zentrale Hörsystem. Es versucht, das schwächer gewordene Signal auszugleichen. Hier setzt eine der wichtigsten modernen Erklärungen an: die Central-Gain-Hypothese.
Central Gain: Das Gehirn dreht den Verstärker auf
„Gain“ bedeutet Verstärkung. Die Central-Gain-Hypothese geht davon aus, dass das Gehirn bei vermindertem Hörinput den internen Verstärker hochdreht. Kommt aus dem Innenohr weniger Signal an, wird das zentrale Hörsystem empfindlicher.
Das ist ähnlich wie bei einem Radio oder Verstärker: Wenn das eigentliche Signal schwach ist und man immer weiter aufdreht, wird nicht nur das gewünschte Signal lauter. Irgendwann treten auch Rauschen, Pfeifen oder Störgeräusche stärker hervor.
So ähnlich kann es im Hörsystem geschehen. Interne neuronale Aktivität, die normalerweise im Hintergrund bleibt, wird plötzlich stärker gewichtet. Das Gehirn interpretiert dieses Aktivitätsmuster als Ton.
Dabei machen Nerven selbstverständlich keinen Ton wie ein Lautsprecher. Aber das Gehirn kann ein internes Aktivitätsmuster als Klang deuten. Und weil das Hörsystem nach Frequenzen geordnet ist, liegt der Tinnitus häufig genau in dem Frequenzbereich, in dem auch der Hörverlust besonders ausgeprägt ist.
Das erklärt auch, warum Hörgeräte manchmal helfen. Wenn ein Hörgerät fehlenden Hörinput teilweise ersetzt, muss das Gehirn weniger stark nachverstärken. Der interne Verstärker kann wieder etwas herunterregeln.
Diese Einordnung passt auch zu den aktuellen Leitlinien: Bei chronischem Tinnitus soll zunächst differenziert diagnostiziert werden; bei Hörminderung kommen Hörgeräte beziehungsweise Hörtherapie in Betracht, während Aufklärung und Beratung die Grundlage jeder Behandlung bilden.
Tinnitus als Vorhersagefehler - Predictive Coding
Die Central-Gain-Hypothese erklärt viel, aber nicht alles. Viele Menschen haben einen Hörverlust, ohne unter Tinnitus zu leiden. Andere haben Tinnitus, sind aber kaum belastet. Es muss also noch etwas hinzukommen: Aufmerksamkeit, emotionale Bewertung, Stress, Schlaf, Angst, Kontrolle und Erwartung.
Ein modernes Modell dafür ist das sogenannte Predictive Coding. Unser Gehirn wartet nicht einfach passiv darauf, was die Sinnesorgane melden. Es sagt ständig voraus, was gleich wahrgenommen werden müsste. Die Sinnesorgane gleichen diese Vorhersagen dann mit der Wirklichkeit ab.
Wenn alles passt, bleibt die Wahrnehmung ruhig. Wenn etwas nicht passt, entsteht ein Vorhersagefehler. Das Gehirn versucht dann, diesen Fehler zu korrigieren.
Beim Tinnitus könnte es so sein: Das Gehirn erwartet in einem bestimmten Frequenzbereich ein normales Signal. Durch Hörverlust oder Schädigung kommt dort aber weniger Information an. Das Gehirn versucht, die Lücke zu schließen – und erzeugt oder verstärkt ein internes Signal. Dieses Signal wird dann als Ton, Pfeifen oder Rauschen wahrgenommen.
Das ist nicht „eingebildet“. Es ist eine reale Wahrnehmung. Aber sie entsteht nicht durch eine äußere Schallquelle, sondern durch die Art, wie das Nervensystem fehlende oder unvollständige Information verarbeitet.
Tinnitus als Phantomwahrnehmung
Tinnitus lässt sich gut mit Phantomschmerz vergleichen. Beim Phantomschmerz spürt jemand Schmerzen in einem Körperteil, das gar nicht mehr vorhanden ist. Beim Tinnitus hört jemand ein Geräusch, obwohl keine äußere Schallquelle vorhanden ist.
Das Gehirn macht dabei nicht einfach „Unsinn“. Es versucht, interne Signale zu deuten. Meist ist das sinnvoll: Unser Gehirn filtert ständig Unwichtiges aus und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das, was bedeutsam sein könnte.
Genau diese Fähigkeit kann beim Tinnitus aber zum Problem werden. Wird das Ohrgeräusch als Gefahr bewertet, bekommt es Vorrang. Es wird stärker beachtet, dadurch deutlicher erlebt und dadurch wiederum bedrohlicher. So entsteht ein Kreislauf.
Aufmerksamkeit: Das Gehirn sucht den Ton
Unser Gehirn kann unglaublich gut ausblenden. Während Sie diesen Text lesen, spüren Sie wahrscheinlich nicht ständig Ihre Fußsohlen. Sie hören nicht jedes Hintergrundgeräusch. Sie nehmen nicht ununterbrochen wahr, wie die Kleidung auf der Haut liegt.
Aber sobald man die Aufmerksamkeit darauf richtet, ist die Empfindung plötzlich da.
Beim Tinnitus kann etwas Ähnliches passieren. Ein internes Hörsignal wird als bedrohlich bewertet. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit darauf. Durch die Aufmerksamkeit wird es deutlicher. Je deutlicher es wird, desto bedrohlicher erscheint es. Und je bedrohlicher es erscheint, desto stärker bleibt die Aufmerksamkeit daran hängen.
Das ist kein persönliches Versagen. Es ist ein normales Schutzsystem des Gehirns. Nur ist dieses Schutzsystem beim belastenden Tinnitus zu stark auf das Ohrgeräusch eingestellt.
Stress, Schlaf und das limbische System
Wenn der Tinnitus als gefährlich, unerträglich oder unkontrollierbar bewertet wird, werden Stressnetzwerke aktiv. Dazu gehören unter anderem das limbische System, die Amygdala, Aufmerksamkeitsnetzwerke und das autonome Nervensystem.
Der Körper schaltet auf Alarm: mehr Anspannung, schlechterer Schlaf, mehr Kontrolle, mehr inneres Abhören. Dadurch wird der Tinnitus leichter wahrnehmbar.
Die eigentliche Falle ist also nicht nur der Tinnitus selbst, sondern der Kampf gegen ihn. Wer ständig prüfen muss, ob der Ton noch da ist, trainiert das Gehirn ungewollt darauf, genau diesen Ton immer wieder zu finden.
Das bedeutet nicht, dass man „selbst schuld“ ist. Es bedeutet nur: Die Therapie muss nicht allein am Ohr ansetzen, sondern auch am Nervensystem, an der Bewertung, an Schlaf, Anspannung und Aufmerksamkeit.
Therapie
Was hilft meist nicht zuverlässig?
Ein wichtiger therapeutischer Schritt besteht darin, unnötige und enttäuschende Behandlungen zu vermeiden.
Beim chronischen Tinnitus sind Medikamente gegen den Tinnitus selbst in der Regel nicht zuverlässig wirksam. Dazu gehören viele Infusionen, sogenannte durchblutungsfördernde Mittel, Ginkgo biloba, Zink, Vitaminpräparate, Betahistin, Antikonvulsiva, Benzodiazepine und zahlreiche Wundermittel.
Auch Cortison ist beim chronischen Tinnitus keine gesicherte Standardtherapie. Anders kann die Situation bei einem akuten Hörsturz sein. Das gehört ärztlich abgeklärt.
Antidepressiva sind keine spezifischen Tinnitusmittel. Sie können aber sinnvoll sein, wenn zusätzlich eine Depression, eine Angststörung oder eine schwere Schlafstörung besteht. Dann behandelt man nicht den Tinnitus direkt, sondern eine wichtige Begleitproblematik.
Auch viele apparative Verfahren sind nicht sicher wirksam. Dazu gehören Laser, manche Formen der Magnetstimulation, viele unspezifische Soundverfahren oder Akupunktur. Das bedeutet nicht, dass nie jemand subjektiv davon profitiert. Aber man sollte vorsichtig sein mit großen Versprechen.
Internationale und deutsche Leitlinien betonen ebenfalls: Kognitive Verhaltenstherapie, Beratung, Hörverbesserung und ein sinnvolles Selbstmanagement sind zentral; Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel sollten nicht routinemäßig zur Behandlung des chronischen belastenden Tinnitus eingesetzt werden.
Was hilft tatsächlich?
Aufklärung und Beratung
An erster Stelle steht eine gute Aufklärung. Ein gut verstandener Tinnitus ist oft weniger bedrohlich. Und ein weniger bedrohlicher Tinnitus wird vom Gehirn leichter in den Hintergrund geschoben.
Es geht nicht darum, den Betroffenen zu sagen: „Da ist nichts.“ Da ist sehr wohl etwas – nämlich eine reale Wahrnehmung. Aber diese Wahrnehmung ist meist kein Alarmsignal, kein Zeichen für drohenden Wahnsinn und kein Beweis, dass das Leben jetzt vom Tinnitus bestimmt werden muss.
Hörverbesserung
Wenn ein relevanter Hörverlust besteht, sollte das Hören verbessert werden. Ein Hörgerät kann nicht nur das Verstehen erleichtern, sondern manchmal auch die Tinnitusbelastung reduzieren. Das Gehirn bekommt wieder mehr äußeren Hörinput und muss weniger stark nachverstärken.
Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder einseitiger Ertaubung kann in bestimmten Fällen auch ein Cochlea-Implantat den Tinnitus vermindern. Das setzt aber eine klare Hörindikation voraus. Ein Cochlea-Implantat ist keine allgemeine Tinnitustherapie für normalhörende Menschen.
Kognitive Verhaltenstherapie
Die kognitive Verhaltenstherapie ist eines der am besten belegten Verfahren bei belastendem chronischem Tinnitus. Dabei geht es nicht darum, den Betroffenen einzureden, sie sollten sich „nicht so anstellen“. Ganz im Gegenteil.
Es geht darum, den Teufelskreis aus Angst, Kontrolle, Vermeidung, Schlafstörung und Katastrophisierung zu unterbrechen. Die Therapie hilft, den Tinnitus anders zu bewerten, die Aufmerksamkeit flexibler zu steuern, besser zu schlafen und wieder mehr Lebensqualität aufzubauen.
Auch internationale Leitlinien empfehlen kognitive Verhaltenstherapie bei persistierendem belastendem Tinnitus.
Atemtherapie
Ein weiterer Baustein kann Atemtherapie sein – besonders bei Menschen, die unter Anspannung, Angst, Panik oder chronischer innerer Alarmbereitschaft leiden.
Viele Betroffene atmen unter Stress schneller, flacher oder stärker brustbetont. Dabei kann der CO?-Spiegel sinken. Das kann körperliche Symptome verstärken: Kribbeln, Benommenheit, innere Unruhe, Engegefühl, Muskelanspannung und eine gesteigerte Reizempfindlichkeit.
Atemtherapie ist deshalb kein magisches Anti-Tinnitus-Mittel. Sie kann aber helfen, das autonome Nervensystem zu beruhigen. Der Körper lernt: Es ist keine Gefahr. Ich muss nicht kämpfen. Ich darf loslassen.
Gerade bei Menschen, bei denen Tinnitus mit innerer Anspannung, Schlafstörung, Hyperventilation oder Panikgefühlen verbunden ist, kann dies ein wichtiger Teil einer multimodalen Behandlung sein.
Aufmerksamkeitstraining
Beim belastenden Tinnitus ist der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit oft fest auf das Ohrgeräusch gerichtet. Man möchte es nicht hören – und hört genau deshalb ständig hin.
Aufmerksamkeitstraining übt, diesen Scheinwerfer wieder beweglicher zu machen. Man lernt, Geräusche wahrzunehmen, die Aufmerksamkeit bewusst zu verschieben, zu erweitern und wieder loszulassen.
Das Ziel ist nicht: „Ich darf den Tinnitus nie mehr wahrnehmen.“ Das wäre schon wieder Kontrolle. Das Ziel ist: „Ich kann ihn wahrnehmen, ohne an ihm kleben zu bleiben.“
Mit der Zeit kann der Tinnitus dadurch wieder zu einem Hintergrundgeräusch werden. So wie Verkehrslärm, ein Kühlschrank oder das Summen einer Lampe. Wenn man darauf achtet, hört man es. Wenn man nicht darauf achtet, ist es nicht wichtig.
Dazu haben wir ein spezielles Programm entwickelt.
Somatosensorische Faktoren“ Kiefer, Nacken und Muskulatur
Bei manchen Menschen verändert sich der Tinnitus durch Kieferbewegungen, Nackenanspannung, bestimmte Haltungen oder Druck auf die Muskulatur. Dann können Kiefergelenk, Kaumuskulatur oder Halswirbelsäule beteiligt sein.
Das bedeutet nicht, dass eine einfache „Durchblutungsstörung der Halswirbelsäule“ den Tinnitus verursacht. Wahrscheinlicher ist, dass überaktive Muskel- und Körpersignale mit auditorischen Netzwerken verschaltet sind und den Tinnitus modulieren.
In solchen Fällen können Physiotherapie, Entspannung der Muskulatur, Kieferbehandlung oder gezielte Übungen sinnvoll sein.
Das realistische Therapieziel
Ein Ziel wie „Morgen wache ich auf und der Tinnitus ist vollständig weg“ ist verständlich, aber bei chronischem Tinnitus meist kein guter therapeutischer Maßstab. Wenn nur dieses Ziel akzeptiert wird, ist jeder Tag mit Tinnitus ein Misserfolg.
Ein besseres Ziel lautet: Der Tinnitus soll an Bedeutung verlieren.
Er wird weniger bedrohlich.
Er steht seltener im Vordergrund.
Der Schlaf wird besser.
Die Angst nimmt ab.
Das Leben wird wieder größer als das Geräusch.
Viele Menschen berichten dann irgendwann: „Wenn ich genau hinhöre, ist er noch da. Aber meistens denke ich nicht daran.“ Das ist ein großer therapeutischer Erfolg.
Die entscheidende Frage ist nicht immer: „Ist der Tinnitus noch wahrnehmbar?“ Sondern: „Bestimmt er noch mein Leben?“
Fazit
Tinnitus ist häufig eine auditorische Phantomwahrnehmung. Er entsteht oft auf dem Boden einer Veränderung im Hörsystem, besonders bei Hörverlust. Das Gehirn versucht dann, fehlende Information auszugleichen. Es dreht den Verstärker auf, ergänzt Lücken und bewertet interne Signale möglicherweise als bedeutsam.
Ob daraus ein quälender Tinnitus wird, hängt aber nicht nur vom Ohr ab. Entscheidend sind auch Aufmerksamkeit, Bewertung, Angst, Stress, Schlaf und das Gefühl, dem Geräusch ausgeliefert zu sein.
Deshalb setzt eine sinnvolle Therapie an mehreren Stellen an: Aufklärung, Hörverbesserung, kognitive Verhaltenstherapie, Entspannung, Atemregulation, Schlafverbesserung, Physiotherapie bei somatosensorischer Beteiligung und Aufmerksamkeitstraining.
Der Tinnitus muss nicht Ihr Gegner bleiben. Vielleicht wird er eher zu einem inneren Betriebsgeräusch: nicht schön, nicht bestellt, aber auch nicht mehr der Chef im Haus.
Oder wie ein Patient einmal sagte: „Der Tinnitus begleitet mich. Aber inzwischen muss ich erst nachschauen, ob er gerade da ist.“

