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Wie entstehen chronische Unterleibsschmerzen?

Viele Krankheiten oder Symptome münden also in ein ähnliches Beschwerdebild: Chronischer Unterleibsschmerz („chronic pelvic pain“).

Die Frage ist: Warum und auf welche Weise?

Etwas vereinfacht kann man dies folgendermaßen zusammenfassen. 


Örtliche Überempfindlichkeit - periphere Sensitivierung

Am Anfang der chronischen Beschwerden steht in der Regel ein örtlicher Schmerz, z.B. akute Prostatitis, Scheidenpilze, Entzündungen der Vulva, Blasenentzündungen oder Störungen im Enddarm.

Dauern diese Schmerzen über längere Zeit an, kommt es zu einer örtlichen Sensibilisierung. Das Gewebe wird überempfindlich. Ein Prozess, der sehr häufig bei chronischen Reizungen abläuft.

Besonders ausgeprägt ist die Sensibilisierung, wenn Reizungen an mehreren Stellen im Unterleib vorhanden sind. In einer amerikanischen Untersuchung an Ratten konnte festgestellt werden, dass die sog. viszeralen Nerven (Eingeweide-Nerven) dann besonders gereizt sind, wenn mehrere Beschwerdearten gleichzeitig vorhanden sind. ( Ethn. dis. 2008 Spring;18(2 Suppl 2):S2-20-4)

D.h. liegt gleichzeitig ein Reizdarmsyndrom vor, dann wirkt sich z.B. eine chronische Blasenentzündung wesentlich stärker aus. 


Schmerzverstärkung

Neben diesen lokalen Reizen gibt es jedoch unspezifische Verstärkungsmechanismen: Dies sind vor allem Angst, Depressivität, Schlafstörungen und chronischer Stress. Alle diese Faktoren erhöhen die Sensibilität ganz allgemein.

Werden also die Schmerzen mit starker Angst oder mit Befürchtungen verbunden, werden sie stärker wahrgenommen.


Zentrale Überempfindlichkeit - zentrale Sensitivierung

Im weiteren Verlauf setzt ein Prozess ein, der am besten mit „zentraler Sensitivierung“ beschrieben wird. Gemeint ist damit Folgendes:

Unser Gehirn muss sich unentwegt mit dem Einstrom von Signalen aus dem Körper beschäftigen. Es gibt wohl einige Dutzend Millionen Sensoren im Körper, die mehr oder weniger regelmäßig Signale zum Gehirn schicken. Würden wir all dies gleichzeitig wahrnehmen, wären wir hoffnungslos überfordert.

Also „wehrt“ sich das Gehirn und schickt dämpfende Signale ins Rückenmark und zu den peripheren Nerven, um so die Informationsflut einzuschränken und gleichzeitig nur die wichtigsten Impulse durchzulassen.

Dauerschmerzen – gleichgültig aus welcher Region – haben die Eigenschaft, diese Dämpfungsfähigkeit zu erschöpfen.

Jedermann kennt dieses Phänomen aus dem Alltag. Ist man gezwungen, in einer lauten Umgebung eine konzentrierte Arbeit zu erledigen, gelingt das nur begrenzte Zeit. Irgendwann ist man nicht mehr in der Lage, den Umgebungslärm auszublenden. Man kann auch sagen, die Reizschwelle ist gesunken, der gleiche Lärmpegel wird als viel unangenehmer wahrgenommen.

So auch bei chronischem Schmerz. Dauert er über längere Zeit, dann sinkt die Reizschwelle, und wir empfinden das Störsignal als schmerzhafter als zu Beginn. 


Teufelskreis

Dauern die Beschwerden über lange Zeit, kann es zu einem Teufelskreis kommen. Dauerschmerzen senken die Schmerzschwelle und dies führt zum Einstrom von mehr Schmerz-Signalen.

Es ist fast wie bei einem Boot mit Schlagseite. Je stärker diese ist, desto mehr Wasser strömt ein. Das Wasser wiederum verstärkt die Schieflage...

Aus diesem Teufelskreis kommen die Betroffenen in der Regel nicht mehr aus eigener Kraft heraus.