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Aufklärung

Was wirkt nun gegen den „Mann im Ohr“. Der zentrale Angriffspunkt ist die Reizverarbeitung im Gehirn. Wenn es gelingt, die Bedeutung des Geräusches zu verändern, dann erhöht sich die Chance, dass ein Signal als unbedeutend vom Thalamus aussortiert wird und das Bewusstsein nicht erreicht.

Solange jedoch das Pfeifgeräusch als bedrohlich interpretiert wird, gelingt dies nur schwerlich. Im Gegenteil ist es schlechterdings unmöglich, willentlich ein Geräusch nicht wahrzunehmen. Wie in anderen Fällen stellt sich also das Problem, etwas bewusst erreichen zu wollen, was eigentlich nur unbewusst möglich ist. Also wieder einmal ein Fall von gelben Elefanten, an die nicht zu denken recht schwierig ist.

An erster Stelle einer effektiven Therapie steht die Aufklärung über die Zusammenhänge, die oben dargestellt wurden. Besonders wichtig ist die Tatsache, dass das Gehör selbst in Ordnung ist. Es ist nur überempfindlich geworden. Ist die Diagnose „Tinnitus ohne organische Ursache“ einmal sicher gestellt, ist es nicht sinnvoll, umfangreiche weitere Diagnostik durchzuführen, da die Untersuchungen nur stärker auf die Symptom fixieren.


Stille Vermeiden - Geräusche genießen

Ein erster probater Weg besteht in der Vermeidung der völligen Stille. Im schalltoten Raum hören, wie erwähnt, alle Menschen ein gewisses Geräusch. Dagegen haben sich das Plätschern eines Zimmerbrunnens, sanfte Musik oder andere wohltuende Geräusche als einfache Therapie gegen den Tinnitus sehr bewährt.

Das nächste Prinzip liegt im Genuss. Man kann nicht gleichzeitig Angst haben und genießen. Wer also mit Freude seine Lieblingsmusik hört, der wird deutlich weniger unter den Störgeräuschen leiden. Viele Betroffene tragen daher Kopfhörer, sooft es ihnen möglich ist, um angenehme akustische Eindrücke an Stelle des quälenden Geräusches wahrzunehmen.


Aufmerksamkeit lenken

Die Lenkung der Aufmerksamkeit ist eine weitere Möglichkeit, um nicht beständig an den Tinnitus zu denken und diesen so zu verstärken. Wer einen spannenden Film sieht, der braucht sich nicht um das „Weghören“ zu bemühen.

Leider ist der Alltag meist nicht ganz so spannend. Mit entsprechendem Training kann es jedoch gelingen, andere wohltuende Geräusche in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen. Wie klingen die eigenen Schritte auf dem Boden, das Rascheln der Kleidung, das Anschlagen der Tasten am Computer, Vögel vor dem Fenster, die Straßengeräusche, das Knistern eines Feuers im Kamin usw.?


Musiktherapie

Ein wesentliches Therapieelement ist die Rückgewinnung der Kontrolle über ein Phänomen, dem sich Tinnitus-Betroffene hilflos ausgeliefert fühlen. Tinnitus lässt sich nicht kontrollieren, andere Geräusche sehr wohl. Aktiv Musik zu betreiben ist daher ein sehr wirkungsvoller Ansatz, den Tinnitus zu beherrschen („Täter statt Opfer“). Wir bieten dazu Programme an.

Wer nicht in den Genuss einer solchen Therapie kommen kann, der kann versuchen, mit einem einfachen Instrument (z. B. Gong), selbst schöne Klänge zu erzeugen.


Meditation und Phantasiereisen

Eine weitere Möglichkeit besteht in der Bedeutungsverschiebung. Was quälend war, soll angenehm (oder neutral) klingen. Dieser Weg setzt ein wenig Training voraus, birgt aber große Chancen. Voraussetzung ist das Erlernen eines Entspannungsprogramms, z. B. progressive Muskelrelaxation.

Danach folgt die Überlegung, in welchem Zusammenhang das Geräusch in einer angenehmen Form vorkommen könnte. Beispielsweise kann das Pfeifen als Teil der Geräuschkulisse eines Eisenbahnzuges interpretiert werden. Nun wird in einem weiteren Schritt eine kleine Geschichte erfunden. Zum Beispiel erinnert man sich, wie man einst als Kind mit dem Nachtzug in die Ferien ans Meer gefahren ist. Jetzt wird geübt. In einer Entspannungssituation stellt man sich immer wieder die schöne Fahrt mit dem Zug vor, das Schaukeln, Rattern, Pfeifen und die fröhliche Stimmung, die damit einhergeht.

Hat man das ausreichend oft geübt, dann taucht am Ende automatisch die Assoziation von wohliger Entspannung und Fahrt in die Ferien auf, sobald der Tinnitus ins Bewusstsein gerät. Hervorragende Bedingungen, um den Thalamus zu überzeugen, das Geräusch als unbedeutend auszublenden.


Reduktion von Angst und Anspannung

Von grundlegender Bedeutung ist die Reduktion der Angst. Nichts lenkt die Aufmerksamkeit stärker auf ein wahrgenommenes Geräusch als die Befürchtung, es könne nie wieder aufhören. Wer unter der Vorstellung leidet, er könne „verrückt“ werden, seine Arbeit verlieren oder dem quälenden Gepfeife das ganze Leben nicht mehr entrinnen, der animiert Thalamus & Co., die Aufmerksamkeit noch stärker auf den Tinnitus zu lenken. So wird das Geräusch chronisch. 


Multimodale Therapie

Das Anheben der Reizschwelle und die Minderung der Angst sind also auch beim Tinnitus erneut die zentralen Merkmale der Therapie. Die verschiedenen Reizschwellen für Kälte, Wärme, Gleichgewicht, Schmerz usw. sind untereinander vernetzt. Gelingt es, sich auf einem Gebiet abzuhärten, hat das positive Konsequenzen auch für andere Bereiche. Daher ist in ausgeprägten und hartnäckigen Fällen eine multimodale Therapie eine sinnvolle Option.

Meist leiden die Betroffenen nicht nur unter Tinnitus, sondern auch unter weiteren funktionellen Beschwerden.

Daher sollten bei ausgeprägtem Tinnitus und bei Patienten, die gleichzeitig unter anderen Beschwerden leiden, eine multimodale Therapie durchgeführt werden.

  • Musiktherapeutische Verfahren
  • Entspannung
  • Physiotherapie
  • Massage
  • Physikalische Methoden (Wärme- und Kältetherapie)
  • Schlafhygiene
  • Ernährungsumstellung
  • ggf. Schmerztherapie sowie weitere gezielte Behandlungen entsprechend den individuellen Bedürfnissen

Therapiedauer

Auch wenn ein Tinnitus bereits sehr lange vorhanden war, muss sich eine Therapie nicht unbedingt über große Zeiträume erstrecken. Bei einer Untersuchung (H. Argstatter: Heidelberger Musiktherapiemanual, 2009) stellte sich heraus, dass eine einwöchige intensive tägliche Therapie gleich erfolgreich wie eine 12wöchige Behandlung einmal pro Woche war. Dies deckt sich mit unseren Erfahrungen.