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Vestibular-Organ - Bogengänge & Co.

Das Vestibularorgan (Vestibulum = Vorhof) befindet sich neben dem eigentlichen Hörorgan, der Schnecke. Es besteht aus drei Bogengängen und zwei weiteren kleinen Sensoren, sog. Maculaorganen (Makula = Fleck). Jedes der beiden Vestibularorgane besteht also aus fünf Einzelsinnen; insgesamt sind links und rechts 10 verschiedene Sensoren gleichzeitig aktiv.

In den Bogengängen befindet sich frei bewegliche Flüssigkeit, während die weiche Haut der Gänge mit dem Schädelknochen fest verbunden ist. Wird der Kopf bewegt, dann hängt die Flüssigkeit ein wenig hinterher, es entsteht ein kleiner Strom, in dem sich die Haarzellen bewegen.  Sobald die Flüssigkeit in Schwung kommt, werden sie in die eine oder andere Richtung ausgelenkt.

Damit das Messsystem sensibel reagiert, stecken die Sinneshärchen in einer Gallertmasse, die zusätzlich mit kleinen Steinchen beschwert ist. Man kann sich das System wie reife Kornähren vorstellen, die sich im Wind bewegen. 

Jeder der drei Bogengänge reagiert auf eine Bewegung in einer der drei Raumachsen. Die Makulaorgane sind für die Bewegung nach oben/unten bzw. zur Seite zuständig.

Wie misst das Vestibularorgan nun die Beschleunigung? Es wird aktiv, wenn wir uns bewegen. Steht der Kopf ruhig oder befindet er sich in gleichmäßiger Bewegung, bleibt das Vestibularorgan stumm.

Das Vestibularorgan ist dabei höchst empfindlich. Der Mensch ist in der Lage, eine extrem langsame Richtungsänderung des Kopfes von 0,005° in einer Sekunde zu registrieren. Für einen Viertelkreis (90°) würde man bei diesem Schneckentempo 5 Stunden benötigen!


Sensoren in Muskel- und Gelenken

Raumorientierung vor allem aus dem Nacken
Auch die Muskulatur liefert Raumorientierung

Die zweite wesentliche Informationsquelle sind Sensoren in den Muskeln und Gelenken des Körpers. Die Position des Kopfes im Verhältnis zum Körper ist für das Gleichgewicht ein ganz besonders wichtiger Faktor. Die Sensoren sorgen dafür, dass dem Gehirn unmittelbar die Lage des Kopfes im Verhältnis zum restlichen Körper gemeldet wird.

Ein einfacher Versuch hilft, die Bedeutung der Sensoren im Hals zu erkennen. Heben Sie dieses Buch langsam auf und ab und folgen Sie der Bewegung mit dem ganzen Kopf. Sie werden feststellen, dass dies zwar nicht die perfekte Art der Lektüre ist, aber machbar. Nun der zweite Versuch. Erneut bewegen Sie das Buch mit gleicher Geschwindigkeit auf und ab. Nun aber halten sie den Kopf strickt waagrecht und bewegen nur die Augen. So fällt es deutlich schwerer, den Zeilen zu folgen.

Im ersten Fall haben Ihnen die Sensoren im Hals eine zusätzliche Information über die Lage des Kopfes gegeben, über die Sie im zweiten Fall nicht verfügten. Möglicherweise sind auch die Daten aus anderen Muskel- und Gelenkgruppen wesentlich, z.B. von Rücken und  Beinen.  


...und der Haut

Auch die Informationsübermittlung aus der Haut, insbesondere den Rezeptoren der Füße, ist von Bedeutung. Wer z.B. wegen einer Zuckerkrankheit unter einer Gefühlsstörung der Füße leidet, der fühlt sich nicht mehr sicher auf den Beinen, da er nicht genau weiß, wie ein Fuß gerade belastet wird. Ist es der Außen- oder Innenrand, ist mehr Gewicht auf den Zehen oder der Ferse? Dies zu wissen, ist für die Orientierung unerlässlich. 


Augen - doppelte Information

Auge

Die vierte Informationsquelle stellen die Augen dar. Sie liefern einen kontinuierlichen Strom von Daten über die Außenwelt. Wer sich von der Bedeutung der klaren Sicht auf die Dinge ein Bild machen möchte, der sollte sich mit geschlossenen Augen über einen unebenen Weg oder gar quer durch die Natur führen lassen. Unsicherheit und Gleichgewichtsprobleme treten bei den meisten Menschen unmittelbar auf. Ähnliches erleben Brillenträger, wenn sie sich eine neue Brille mit einer veränderten Sehstärke zulegen. Geringfügige Änderungen verändern die Abbildung der Welt und können zu Schwindel führen. Allerdings passt sich das Gehirn meist nach kurzer Zeit an die neue Sehhilfe an.

Durch die doppelten Sinneseindrücke der Augen erhält der Mensch gleichzeitig ein Stereobild, einen dreidimensionalen Eindruck des Raumes, was die Orientierung ungemein erleichtert. 


Und sogar das Gehör

Als letztes trägt auch das Gehör zur Raumorientierung bei. Es orientiert über die räumliche Lage von Schallquellen.

Wie erwähnt, entsteht das Gleichgewichtsgefühl durch die erfolgreiche Integration aller drei Sinne. Je älter ein Mensch wird, desto schwieriger gelingt dies. Im höheren Lebensalter zählt Schwindel daher zu den häufigsten Beschwerden überhaupt. Dabei werden die Augen für die Orientierung immer wichtiger. Mit geschlossenen Augen oder bei schlechter Sicht kommt die Mehrzahl der Betagten ins Schwanken.