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Nicht eingebildet!

Wie kommt es nun zu den Symptomen? Was sind sie zu erklären? Das wichtigste vorweg: Funktionelle Beschwerden sind nicht eingebildet, auch wenn ein Arzt keinen körperlichen Befund erheben kann. Wer Beschwerden hat, der hat sie oder er lügt. D.h. Sie können natürlich behaupten, Sie hätten Schmerzen ohne dass es stimmt. Aber wenn es weh tut, dann ist dieser Schmerz vorhanden, auch wenn ein Arzt nichts findet.

Noch etwas vorweg: funktionelle Beschwerden sind auch keine „hysterischen oder hypochondrischen Reaktionen“, also keine einfache „Verschiebung“ von Konflikten in den Körper.

Aber was ist dann eigentlich die Ursache der funktionellen Störungen? Sind sie nicht doch  irgendwie psychisch bedingt?


Sensibilität und Leistungsbereitschaft

Wir wissen, dass Menschen mit diesen Beschwerden häufig eine belastete Kindheit hatten. Viele Faktoren kommen hier in Frage: Vernachlässigung, Übergriffe, Traumata, aber auch Erkrankungen der Eltern, Schicksalsschläge, soziale Benachteiligung und anderes mehr. Und auch überängstliche Eltern können einen Risikofaktor darstellen.

Dann lernt ein Kind: Die Welt ist nicht sicher! Daraus folgt eine innere Organisation, die mit höherer Aufmerksamkeit, besserer Beobachtung und vermehrtem Misstrauen begleitet ist. Ein Kind wird sensibler.

Ein weiterer Faktor, der vielen Menschen mit funktionellen Störungen gemeinsam ist: hohe Leistungsbereitschaft, der Wille sich einzusetzen und den inneren Wert über Leistung zu definieren. 


Stress

Doch dies Eigenschaften alleine führen keineswegs zu Beschwerden. In der Regel lösen erst Überforderungssituationen, dann die eigentlichen Symptome aus. Das wird dann nicht selten mit der Formel „Stress“ beschrieben, wobei der „Stress“ körperlicher, psychischer oder sozialer Art sein kann. So können Infektionen, Operationen, schwerwiegende Krankheiten, zwischenmenschliche Konflikte, Schicksalsschläge, Arbeitsplatzkonflikte oder eine Kombination von allem am Beginn der Symptomatik stehen.

Also stark vereinfacht: Ein Mensch mit erhöhter Sensibilität trifft auf eine Situation, die ihn erheblich überfordert und die er nicht mit seinen verfügbaren Mitteln bewältigen kann.

Nebenbei: Bei der Entstehung von funktionellen Beschwerden spielen neben den Belastungsfaktoren auch die unterstützenden Faktoren – die Ressourcen – eine wesentliche Rolle. Je mehr davon vorhanden ist (emotionale und finanzielle Sicherheit, soziale Integration) desto geschützter ist man. 


Wer hustet - hustet der jemand etwas?

Doch jetzt kommen wir zur eigentlichen Frage: Wenn uns etwas überfordert, warum reagierten wir dann nicht mit Ärger, Wut, Verzweiflung, Trauer sondern mit Durchfall, Herzrasen, Schmerzen oder Schlafstörungen?  

Wieso reagiert der Körper auf diese „merkwürdige“ Art und Weise? Das ist die Kernfrage der Psychosomatik!

Die psychischen Reaktionsweisen (Depression, Angst) lassen sich in aller Regel gut auf Grund unserer persönlichen Biographie erklären. Insbesondere die früheren Erfahrungen von Beziehungen (z.B. Sicherheit, Eindeutigkeit) beeinflussen uns meist ein Leben lang. Misstrauen in der Partnerschaft wird viel häufiger auftauchen, wenn wir als Kind keine Stabilität erfahren durften.

Nochmal: Warum dann Durchfall oder Herzrasen?

Eine verbreitete Erklärung bewegt sich auf einer symbolischen Ebene. Der Körper drückt metaphorisch - in einer Bildersprache-  aus, was ein Mensch nicht wagt zu äußern.

Also bei Durchfall – Entschuldigung! – „scheißt“ entweder jemand auf etwas oder er bekommt eben „Schiss“.

Auch wenn solche Metaphern auf den ersten Blick ganz amüsant sind, sie versagen bei den meisten funktionellen Beschwerden. Reizblase, Prostatitis, funktionellen Atembeschwerden usw. lassen sich so nicht befriedigend erklären. Dass Sie „jemand etwas husten“ möchten, finden Menschen mit schwerem Reizhusten nicht einleuchtend.

Klar ist: Der Körper reagiert anders, empfindlicher, oft schneller, übertrieben und das ganze stellt eine erhebliche Beeinträchtigung im Alltag dar.

Wir glauben jedoch, eine Verständnis der Beschwerden als „Symbol“, als „chiffrierte Botschaft“ das ist nicht überzeugend. 


Die zweite Biographie des Menschen (Ontogenese versus Phylogenese)

Genau genommen, haben wir Menschen zwei Biographien. Eine persönliche Biographie und eine Biographie als Mensch, damit meine ich die Geschichte, die wir auf diesem Planeten hatten. In einer wissenschaftlichen Sprache wird in die Ontogenese (persönliche Geschichte) und Phylogenese (Stammesgeschichte) unterschieden.

Während die persönliche Gesichte mehr oder weniger gut in ihrem Gedächtnis gespeichert ist, können Sie sich natürlich an die Zeit der Neandertaler nicht erinnern. Trotzdem ist sie aufgeschrieben, aber nicht in Ihrem Gedächtnis sondern in Ihren Genen. Dort befinden sich neben Strukturinformationen (wie sehen wir aus) auch Daten, die unsere Funktion steuern.

Wie funktioniert eine Zelle, ein Zellverband, ein Organ oder der ganze Körper? Die lebenserhaltenden Funktionen des Körpers sind genetisch gesteuert: Verdauung, Kreislauf, Atmung, Temperaturregulation, Immunsystem, Muskeltonus, Gleichgewicht, Schlaf-Wach-Rhythmus und vieles mehr.

Hier gibt es Programme, die ohne unser bewusstes Eingreifen ganz ausgezeichnet und in aller Regel störungsfrei arbeiten. 

Die meisten dieser Programme können auf eine sehr, sehr lange Geschichte zurückschauen. Sie wurden nicht von unseren menschliche Vorfahren „erfunden“, sondern finden sich praktisch genauso bei Tieren, z.B. den Säugetieren und bei noch älteren Lebewesen.

Das bedeutet – und jetzt kommt es! – die Programme wurde im Zusammenspiel mit einer Umwelt entwickelt, die es so in weiten Bereichen nicht mehr gibt. Sie stammen aus einer zurückliegenden vorgeschichtlichen Epoche, die weit vor die Zeit des Ackerbaus und der Viehzucht zurückreicht: Aus Urwald und Savanne, in der wir als Sammler und Jäger in kleinen Gruppen über weite Flächen streiften.

Unsere Vorfahren waren dabei in einer Weise bedroht, die uns heute kaum vorstellbar ist. Hunger, Infektionen, wilde Tiere setzten ihnen beständig zu. Für solche Situationen haben sich Programme – Gene- entwickelt, die uns das Überleben sicherten. 


Sinnvolle Reaktionsweisen - im Urwald…

Nehmen wir an, wir befänden uns – wie unsere Vorfahren – in so einem gefährlichen Urwald. Was wäre dann eine optimale Reaktion, wenn der Tiger vor uns steht, der noch nicht gefrühstückt hat? Im wesentlichen Folgendes:  Höchste Aufmerksamkeit (alles Sehen, Hören, Riechen!), hohe Muskelspannung, schneller Herzschlag, erhöhter Blutdruck, beschleunigte Atmung, Einschränkung unnötiger Körperfunktionen (Immunsystem, Sexualität) und – bei Nacht – ja nicht schlafen,  und wenn doch, dann nicht tief.

Das nennen wir heute „Stressreaktion“ und ist ein verbreitetes Krankheitsbild, das früher als „Managerkrankheit“ bezeichnet wurde: Bluthochdruck, Herzklopfen, Schlafstörungen, Muskelverspannungen, nachlassendes sexuelles Interesse.

Die sinnvolle, erhöhte Aufmerksamkeit wandelt sich heute zu Reizempfindlichkeit gegenüber Lärm, Licht, Kälte, Wärme, Geruch usw. 


Funktionelle Störungen: übertriebene Schutzreflexe

Was ich deutlich machen möchte: funktionelle Störungen lassen sich in aller Regel von Schutzreflexen zurückführen, die unseren Vorfahren das Überleben garantiert haben. In Situationen, die uns überfordern, greift der Körper auf Programme zurück, die aus alter Zeit stammen und nun „abgespult“ werden.

Sie waren „eigentlich“ hochsinnvoll, wenn wir früher in Gefahr waren. Allerdings waren die Reaktionsmuster meist auf kurzfristige Bedrohungsszenarien geschneidert und nicht wie heute auf die Bewältigung von jahrelangem Stress und Überforderung.