Doch den Umgang mit Kälte kann man auch erlernen. Am wohlsten fühlt sich ein unbekleideter Mensch bei 29-30°C, eine Temperatur wie sie in der Wiege der Menschheit in Ostafrika tagsüber herrscht. In den nördlichen Regionen benötigen wir Kleidung. Gleichzeitig haben wir uns auch im Verlauf der Besiedelung dieser Breiten an die Kälte angepasst. Eskimos haben es hier zur Meisterschaft gebracht. Sie schätzen bereits bei schattigen 8°C das laue Lüftchen und empfinden ein kurzes Hemd als angebrachte Bekleidung. Bei der gleichen Temperatur benötigt ein Bewohner Afrikas noch Mütze und Handschuhe.

Seit der Erfindung von Zentralheizung und Klimaanlage werden immer geringere Ansprüche an die körpereigene Thermoregulation gestellt. Gemäß dem Motto „wer rastet, der rostet“ verliert die Feinabstimmung der Temperaturregulation ein Teil ihrer Fähigkeiten. So frieren Menschen mehr, die sich stets in gleichmäßig beheizter oder temperierter Umgebung aufhalten.
Es war in früheren Zeiten vermutlich nicht sehr gemütlich, zwischen der gut geheizten Küche und den kalten Stuben hin- und herzugehen, für die Temperaturregulation war dies ein optimales Training. Innerhalb eines Tages passte sich die Haut- und Muskeldurchblutung dutzende vielleicht hunderte Male an.
Zum Bewegungsmangel kommt also für uns Menschen heute ein Mangel an Kälte- und Wärmereizen hinzu.
Ein Faktor spielt beim Kälteempfinden eine wesentliche Rolle – Angst. Sie lässt uns frösteln, macht die sprichwörtlichen „kalten Füße“. Wenn es so richtig gruselig wird, dann werden wir blass, bekommen eine „Gänsehaut“, es läuft uns eiskalt über den Rücken. Es handelt sich wahrscheinlich um die Folge der Sympathikusaktivität, der uns auf einen Kampf einstellt. Durch die Minderung der Hautdurchblutung sinkt das Blutungsrisiko, falls es zur Verletzung im Kampf kommen sollte. So wundert es nicht, dass Menschen, die unter Ängsten leiden, auch häufig verfroren und verfröstelt sind.
Auch Krankheiten vermindern die Kältetoleranz. Wer schwer krank ist benötigt auch ohne Fieber eine Wolldecke. Und auch bei Schmerzerkrankungen wie Fibromyalgie ist das Frieren die Regel, nicht die Ausnahme.
Warum frieren also manche Menschen, während es anderen immer angenehm warm ist? Wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht, kommen meist mehrere Faktoren zusammen. Ganz wesentlich erscheint der allgemeine Trainingszustand, das Verhältnis von Muskeln zu Fettgewebe, Angst und die Gewöhnung an die Kälte zu sein.
Wer nun sich als „Frostbeule“ empfindet, der wird die Kälte meiden, gut heizen und sich wärmer anziehen. So verständlich diese Reaktionsweise ist, nichts verschlechtert die Thermoregulation mehr als diese Form der Schonung. Durch die systematische Vermeidung der Kälte wird das Zusammenspiel von Nerven, Hormonen und Gefäßen nicht trainiert. Das System verliert an Kompetenz, die Regulation wird schlechter und die Toleranz gegenüber Kälte lässt nach. Ein Teufelskreis! Die Meidung der Kälte ist der sicherste Weg, die abnorme Empfindlichkeit beizubehalten.