Magen-Darm-Störungen

Wechseln wir die Perspektive. Nachdem wir bisher vor allem die örtlichen Faktoren betrachtet haben, wenden wir uns nun anderen Organen zu.

Ein Organsystem ist bei den geplagten Patienten regelmäßig betroffen: Der Magen-Darm-Trakt. Zumindest habe ich bisher keinen Patienten gesehen, der bezüglich seines Bauches völlig beschwerdefrei gewesen wäre.

Aufstoßen, Völlegefühl, Sodbrennen, Magenbrennen, Darmgeräusche, Rumpeln, Rumoren, Anschwellen des Leibes, Blähungen, Bauchkrämpfe, Durchfall, Verstopfung, Juckreiz am After und viele weitere Beschwerden werden mir von den Betroffenen genannt.

Wie kommt es dazu? Ist dies Zufall, oder sind es nur Folgeerscheinungen einer bisher noch unbekannten gemeinsamen Ursache der Erkrankung?

Tatsächlich können sich die Fehlsteuerungen des vegetativen Nervensystems (Sympathikus und Parasympathikus), die wir bereits kennengelernt haben, auch auf die Verdauung auswirken. Ein weiteres Erklärungsmodell ist die Störung des Serotoninstoffwechsels. Serotonin wird nämlich in erheblichem Umfang im Verdauungskanal produziert.

Sehen wir also auch dieses Organsystem etwas genauer an, und versuchen wir zu verstehen, warum es derart in Mitleidenschaft gezogen wird.

Wenn Sie gerade etwas gegessen haben, dann ist Folgendes geschehen: Mit Ihren Zähnen haben Sie die Nahrung in mindestens zentimetergroße Bröckchen zerlegt. Der mit Speichel durchsetzte Brei rutscht daraufhin in den Magen. Hier, an der zweiten Station der Verdauung, werden der Nahrung hochkonzentrierte Salzsäure sowie eiweißspaltende Enzyme zugesetzt. Dies ist der "aggressivste" Teil der Nahrungsaufbereitung. Unter langsamem Kneten lösen sich die Nahrungsteile in der extrem sauren Lösung in millimetergroße Partikel auf. Nach einer halben Stunde ist ein Zwieback verdaut, bei einem Rollmops kann dies auch einmal zehn Stunden dauern.

Ist der Magen mit seiner Arbeit fertig, wird die Nahrung in kleinen Portionen in den Zwölffingerdarm weitertransportiert und dort mit weiteren Verdauungssäften aus Galle und Bauchspeicheldrüse versetzt.

In folgenden Darmabschnitt, dem Krummdarm (Jejunum), folgt nun die Zerlegung der Nahrung in winzige, beinahe molekülgroße Teilchen, die dann von der Dünndarmschleimhaut aufgenommen werden. Hierbei leistet die Schleimhaut ganz Außergewöhnliches: Sie ist in viele Falten gelegt, auf denen sich feine Zotten befinden, die wiederum von äußerst feinen Härchen, dem Bürstenrand, umsäumt werden. Der Sinn dieser Konstruktion besteht in einer extremen Oberflächenvergrößerung. Die Fläche des menschlichen Darmes beträgt mindestens 100 Quadratmeter, vielleicht auch ein Mehrfaches davon.

Die Nahrung wird hier zu 95% in die Blut- sowie in die Lymphbahnen aufgenommen, die sich unmittelbar unterhalb der Schleimhaut befinden. Übrig bleiben Wasser und unverdauliche Fasern, die über den nachfolgenden Leerdarm (Ileum) in den Dickdarm gelangen. Dort werden die Fasern von reichlich vorhandenen Bakterien verdaut und das restliche Wasser aufgenommen.

Ich habe diesen Vorgang so ausführlich beschrieben, weil sich bei den meisten Fibromyalgie-Patienten typische Abweichungen finden lassen. Die Störungen beginnen in der Regel im Magen. Bei der körperlichen Untersuchung klagen die Betroffenen über einen deutlichen Druckschmerz dieses Organs. Dahinter steht eine Reizung der Schleimhaut. Da eine entzündete Schleimhaut von der eigenen Säure angegriffen wird, produziert der Magen nun reichlich verdünnenden Schleim.

 

Normaler Magen - Gereizter Magen

So günstig dieser Mechanismus für die Schleimhaut ist, so schlecht ist er für die Verdauung. Die Nahrung kann von der verdünnten Säure nicht vollständig verdaut werden, bleibt deshalb länger im Magen zurück und kann dort in Gärung übergehen. Die Folgen sind Völlegefühl und Aufstoßen.

Die Störungen beschränken sich nicht nur auf den Magen. Ist dieser in seiner Verdauungsleistung derart herabgesetzt, entleert er zu große Nahrungsteile in den Dünndarm. Das reguläre Verdauungsziel, Partikel mit weniger als einem Millimeter Durchmesser, wird nicht erreicht. Die groben Teile können vom oberen Dünndarm nicht ausreichend aufgeschlossen werden und rutschen daher durch ihn hindurch, bis sie in den Leer- oder Dickdarm gelangen.

Wenn es bei Ihnen also nach dem Essen im Bauch rumpelt und rumort, dann rutscht die grobe Nahrung zu schnell durch Ihren Dünndarm hindurch. Über diese Tatsache freuen sich vor allem die Darmbakterien in den unteren Darmabschnitten. Diese müssen sich normalerweise von schwer verdaulichen Fasern ernähren, und ihr Wachstum wird so durch den Nahrungsmangel begrenzt. Gelangt aber wertvolle, hochkalorische Nahrung bis hierher, wird den Bakterien ein Festmahl aufgetischt. Sie reagieren mit ungehemmter Vermehrung, und ihre Anzahl verdoppelt sich alle 20 Minuten. Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich so im Dünn- und Dickdarm ein dichter Bakterienrasen.

Hierdurch entsteht eine örtliche Reizung im unteren Darmabschnitt. Gleichzeitig erzeugen die Bakterien große Gasmengen: Zwanzig, dreißig oder mehr Liter Gas entstehen im Laufe eines Tages im Darm und lassen ihn prall anschwellen.

In solchen Fällen ist der Bauch am Morgen noch flach. Im Laufe des Tages setzt dann die Gärung ein und erreicht meist gegen Abend ihr Maximum. "Ich durchlebe jeden Tag eine fünfmonatige Schwangerschaft," so lautet eine häufig geäußerte Beschwerde.

Wird keine neue Nahrung aufgenommen, läßt das Bakterienwachstum im Laufe der Nacht nach. Die Gase werden vom Blut aufgenommen, über die Lunge abgeatmet, und bis zum Morgen ist der angeschwollene Bauch wieder verschwunden. Allerdings stellt sich meist ein unangenehmer Geschmack im Mund ("Mundgeruch") ein, der sich durch die ausgeatmeten Darmgase erklären läßt.

Gärung im Dickdarm hat etwas andere Konsequenzen. Dieser letzte Darmabschnitt ist nicht in der Lage, die Gase aufzunehmen. Diese stauen sich dort und dehnen ihn aus, so daß er länger und breiter wird. Ist die Dehnung des Darms sehr ausgeprägt, werden dessen Muskelfasern in einen ungünstigen Funktionszustand gebracht - Verstopfung ist die Folge. Verursachen die Darmbakterien dagegen eine stärkere Entzündung, kommt es meist zu Durchfall.

In der Regel sammelt sich die unerwünschte Luft an den höchsten Stellen. Dies ist rechts unterhalb der Leber bzw. Gallenblase und links unterhalb des Herzens. Da auf der linken Seite etwas mehr Platz vorhanden ist, können sich dort gewaltige Luftmengen konzentrieren und mächtig nach oben drücken. Das Zwerchfell wird angehoben und mit ihm das Herz. Als Folge stellen sich Atemnot und Herzdrücken bzw. Herzrasen ein. Dieses sog. "Roemheld-Syndrom" kann solche unangenehme Beschwerden machen, daß Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt in eine Klinik eingeliefert werden.

Wie kommt es zu den Magen-Darm-Störungen?

Vielleicht sagen Sie sich jetzt: "Ja, so ähnliche Beschwerden kenne ich auch, aber wie kommt es zu dieser Reizung des Magens?"

Unser Verdauungstrakt ist ein kompliziertes Organsystem, das leider störungsanfällig ist. Besonders eindrücklich kann man das beim Magen erkennen, der das Wunder vollbringt, Fleisch (also z.B. Tiermagen) komplett aufzulösen, ohne sich selbst dabei anzugreifen. Jedoch kann vieles seine Funktion beeinträchtigen. Bakterien wie Helicobakter pylori, Pilze oder Viren sind in der Lage, ihn zu attackieren, und unzählige Medikamente bewirken eine Schädigung der Magenschleimhaut. Besonders häufig bei der Fibromyalgie eingesetzten Schmerz- und Rheumamittel können zu schweren Schleimhautentzündungen und zu Geschwüren führen. Auch seelische Belastungen, besonders Ungeborgenheit, bereiten dem Magen Kummer.

Die häufigste Schädigung liegt jedoch in einem ganz anderen Bereich. Es ist unsere Art der Lebensführung, konkret: Unsere Eß- und Trinkgewohnheiten fallen dem Magen schwer zur Last. Das kommt nicht von ungefähr. Im Alltag vergessen wir, in welch ungeheurem Maß sich unsere Ernährungsweise von ihren biologischen Ursprüngen entfernt hat. Unser Verdauungstrakt wurde nämlich nicht für Hamburger, Sachertorte oder Cola-Getränke geschaffen.

Menschen existieren seit gut zwei Milliarden Jahren auf der Erde. Während mehr als 99,9% dieser Zeit blieb die Art unserer Nahrung weitgehend konstant: Sie bestand aus dem, was frei in der Natur verfügbar war, einer extrem groben, faserreichen, kalorienarmen, vorwiegend vegetarischen Kost. An diese Art der Nahrung war unser Verdauungstrakt angepaßt. Aus diesem Grund sind unsere Zähne härter als Stahl, können die Kaumuskeln mehrere hundert Kilogramm Kraft entfalten und produziert der Magen hochkonzentrierte Salzsäure.

Im Laufe der äußerst kurzen Zeitspanne der letzten rund 100 Jahre hat sich bezüglich der Ernährung jedoch ein Wandel ergeben, der so drastisch ist, daß dafür die Bezeichnung "revolutionär" noch untertrieben ist: Die ursprüngliche Kost wurde hochkalorisch, fettreich, faserarm, reich an tierischen Nahrungsmitteln und extrem süß.

Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Im Mittelalter lag der jährliche Zuckerkonsum bei etwa einem Stück Würfelzucker pro Person. Dieser Wert hat sich bis heute auf fast 40 kg gesteigert! Jeder Deutsche ißt damit rund 130 Gramm Zucker pro Tag und führt dem Körper rund 500 Kilokalorien Energie durch diesen süßen Extrakt zu.

Der Verdauungstrakt reagiert auf diese ungewohnte Kost ausgesprochen unwirsch und gereizt! Er entzündet sich und bereitet Beschwerden: Aufstoßen, Völlegefühl, Sodbrennen, Rumpeln im Bauch, Blähungen, Durchfall, Verstopfung sind die Folgen. Diese Symptome sind heute nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Mehrheit der Bevölkerung in den industrialisierten Ländern leidet am eigenen Bauch!

Zurück zur Fibromyalgie: Die Magen-Darm-Probleme, unter denen Fibromyalgie-Patienten leiden, sind also nicht typisch für die Erkrankung Sie sind Veränderungen, die man bei vielen Menschen in unseren Breiten findet. Bei der Fibromyalgie sind die Beschwerden jedoch besonders ausgeprägt und das hat mehrere Gründe: Die bereits erwähnten vegetativen Fehlsteuerungen des Nervensystems und der Mangel an Serotonin können zu funktionellen Störungen der Verdauung führen. Auch die andauernden Schmerzen sowie die depressive Stimmungslage beeinträchtigen dieses Organ. Dabei scheint mir besonders ein Zusammenhang wichtig zu sein: Menschen, die unter einem hohen seelischen Druck stehen, die Schmerzen haben und auf vieles verzichten müssen, neigen dazu, im Essen und Trinken einen Ausgleich zu suchen. "Wenn es mir so schlecht geht, möchte ich wenigstens etwas Gutes essen", lautet eine verständliche Reaktionsweise. "Gut" bedeutet in diesem Falle nicht das Essen von Salat und Vollkornbrot - süße, fette und kalorienreiche Speisen bieten größeren Lustgewinn. "Frustfraß" nennt es der Volksmund oder, um mit Wilhelm Busch zu sprechen: "Es ist ein Brauch, seit alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör".

Die Vorlieber für süße Verführer kommt nicht von ungefähr. Schokolade und ähnlich Hochkalorisches beeinflußt im Gehirn die Neurotransmitter (auch Serotonin) und erzeugt dadurch kurzfristig Wohlbehagen. Doch ist die Freude nur von kurzer Dauer. So kommt zu den ursprünglichen Schmerzen langfristig noch eine zusätzliche Belastung des Verdauungsorganes hinzu!

Die Veränderung des Verdauungstraktes hat vielfältige Konsequenzen. Stellen Sie sich vor, Ihre Haut wäre von Kopf bis Fuß gereizt, z.B. durch einen Sonnenbrand. Sie würden sich kaum wundern, daß Sie sich nicht sonderlich wohl fühlen. Unser Magen-Darm-Kanal hat mindestens eine hundertmal größere Fläche. Ist sie irritiert, beeinflußt das unser Wohlbefinden in hohem Maße. Möglicherweise spielt dabei die oben erwähnte Mikrozirkulation eine wichtige Rolle. Großflächige Entzündungen verschlechtern die Durchblutung der Kapillaren!