Dünndarmpilze

Bevor wir uns mit den Pilzerkrankungen des Dünndarms beschäftigen, möchte ich Ihnen noch einige Informationen zur Funktion dieses faszinierenden Organs geben.
Der Dünndarm hat im wesentlichen zwei Aufgaben:
· Erstens muß er die Nahrung, die ihm vom Magen in millimetergroßen Teilen angeliefert wird, vollständig, d.h. in bis zu molekülgroße Partikel zerkleinern. Dazu verfügt er über eine kräftige Ringmuskulatur und knetet damit die Nahrung so lange durch, bis sie gänzlich zerlegt ist. Er folgt dabei dem Motto: "Drei vor und zwei zurück!" Die Nahrung pendelt also im Darm hin und her.
· Zweitens muß der Dünndarm diese Nahrung vollständig ins Blut aufnehmen. Damit dies funktioniert, hat er eine sehr große Oberfläche, in der Blut und Nahrung eng in Kontakt gebracht werden. Hier hat der Dünndarm eine rekordverdächtige Dimension: Weit über hundert Quadratmeter dürfte seine Gesamtfläche betragen! Diese riesige Oberfläche ist nur durch ein System von Falten, Zotten und einem feinen Bürstensaum möglich, das so ähnlich konstruiert ist, wie Sie es vielleicht aus der Welt der Technik von Kühlern kennen.

Gesunde Dünndarmzotten
In der obigen Abbildung ist ein Teil einer Darmfalte vergrößert dargestellt. Sie können darauf zahlreiche Ausstülpungen, sog. Darmzotten, erkennen. Jede einzelne Schleimhautzelle hat hunderte von kleinen Ausstülpungen auf der Oberfläche. Diese sogenannten Mikrovilli bilden den feinen Bürstensaum. Hier erfolgt die eigentliche Aufnahme der Nährstoffe, die dann von den in der Tiefe der Zotten liegenden Blut- und Lymphgefäße weitertransportiert werden.
Die einzigartige Konstruktion des Dünndarmes macht ihn leider auch in erhöhtem Maße für die Pilzbesiedelung anfällig. Das System der Zotten und dazwischenliegenden Vertiefungen ("Krypten") ist ein Ort, an dem sich Pilze hervorragend ansiedeln können. Sie finden hier zahllose Taschen und Nischen, die sie für ihr ungestörtes Wachstum benötigen. - Vorraussetzung hierfür ist allerdings, daß die aufgelagerte Barriere der normalen Darmbewohner gestört ist.
Wie Sie nun schon mehrfach gelesen haben, werden zahllose Candida-Arten jeden Tag von uns aufgenommen. Diese besiedeln die Darmschleimhaut, wenn die Bedingungen dafür günstig sind. Die wesentlichen Risikofaktoren haben Sie bereits auf S. ** kennengelernt. Sie sollen nun noch einmal zusammengefaßt werden:
· Hoher Zuckerkonsum
· Geringer Verzehr von Fasern. Alle Ballaststoffe wirken wie eine "Bürste", die den Raum zwischen den Darmzotten reinigt. So können sich die Pilze nicht festhalten.
· Verschiebung des ökologischen Milieus im Darm, z.B. durch Antibiotika. Im Darm befinden sich mehrere Billionen Bakterien, die zu etwa 400 Arten gehören. Jeder Mensch hat dabei seine "persönlichen" Bakterienstämme. Sie erzeugen ein Klima, das einem Pilzwachstum entgegenwirkt. Pilze müssen sich also erst einmal gegen die "einheimischen" Bakterien durchsetzen, bevor sie eine echte Vermehrungschance haben. Antibiotika schädigen diese normalen Darmbewohner und schaffen damit den Raum, den Pilze dann ausfüllen können.
· Schädigung der Darmschleimhaut (Entzündung, Verletzung, Operationen, Bestrahlung, Durchblutungsstörung)
· Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
· Mangelernährung
· Immunschwäche (Krebs, Blutbildveränderung, AIDS)
· Kindheit, Greisenalter
· Medikamente (Kortison, Chemotherapie, Magenmittel, Hormone)
· Reduzierter Allgemeinzustand


Stadien der Pilzerkrankung

Ob Pilze Beschwerden verursachen oder nicht, hängt sehr stark von Intensität und Art der Pilzbesiedelung des Dünndarmes ab. Betrachten wir daher als nächstes die unterschiedlich Erkrankungsstadien.

Vereinzelte Pilze
Untersucht man zufällig ausgewählte Menschen, die keinerlei Beschwerden haben, so findet man bei den meisten vereinzelte Pilzkolonien im Darm. 50-75% der Bevölkerung der industrialisierten Welt haben Candida-Arten im Darm . In geringen Mengen und nicht mit der Schleimhaut verbunden, verursachen diese aber kaum Beschwerden. Sie vermehren sich auch nicht, da die körpereigene Abwehr sowie die Darmbakterien sie in Schach halten.
Wie bereits erwähnt, gibt es eine lange Diskussion darüber, ob diese Pilzbesiedelung normal ist oder nicht. Streng genommen ist es wohl nicht "normal". Allerdings kann man der Nachweis von Pilzen auch nicht als "Krankheit" bezeichnen, da von den vereinzelten Pilzen kein Schaden verursacht wird.
Etwas anders sieht es lediglich für Allergiker aus: Falls jemand auf Candida überempfindlich ist, dann können ihm bereits geringe Mengen Probleme bereiten (siehe S.**).


Dünndarmzotten mit vereinzelten Pilznestern

Massive Candidabesiedelung
Diese geringfügigen Pilzkonzentrationen können sich aber erhöhen. Unter "günstigen" Bedingungen geht das sehr schnell. Finden die Pilze ausreichend Nahrung, so vermehren sie sich. Je nach Voraussetzung kann es zu einer massiven Überwucherung des Darmes mit Hefepilzen kommen. Wichtigste Bedingung ist die Anwesenheit von reichlich Nahrung, am besten Zucker. Im Darm finden es die Pilze schön warm und feucht, da vermehren sie sich mit eindrucksvoller Geschwindigkeit. Besonders flott geht es, wenn die Abwehr (Krankheit, Unfall, Medikamente, geschädigte Darmflora) ist. Pilze verdoppeln sich in solchen Fällen etwa alle 20 Minuten: 2, 4, 8, 16, 32 usw. geht die Reihe. Hätte ein Pilz immer genügend Nahrung zur Verfügung, so würde er schon nach 48 Stunden den Umfang der Erdkugel erreichen!



Dünndarmzotten mit massiver Candida Besiedelung
Nun kommt es auch zu spürbaren Symptomen: An erster Stelle stehen hartnäckige Blähungen. Sie entstehen durch den Stoffwechsel der Pilze selbst: Sie verarbeiten Zucker und scheiden dabei Kohlendioxid aus. Es ist der gleiche Prozeß wie bei der Backhefe. Auch sie vermehrt sich durch die Verwertung von Zucker und läßt dabei große Mengen an Kohlendioxid entstehen, wodurch ein Hefeteig "aufgeht". So wie der Teig in der Schüssel, so gärt es nach einer zuckerreichen Mahlzeit auch in Ihrem Darm.
Dann gluckert und kullert es, und nach einiger Zeit beginnt der Bauch zu spannen. Viele Menschen klagen, daß Rock oder Hose zu eng werden. Besonders am Abend legen die betroffenen Menschen gerne beengende Kleidungsstücke ab oder öffnen den obersten Knopf der Hose.

S
Neben Kohlendioxid produzieren verschiedene Candida-Arten leider auch Alkohol. Hierin unterscheiden sie sich nicht von der Weinhefe. Es kann also bei heftigem Pilzwachstum zu einer echten alkoholischen Gärung kommen. In der medizinischen Literatur wird in diesem Zusammenhang von einem "Eigenbrauerei-Syndrom" gesprochen. Bei japanischen Patienten soll es zu meßbaren Alkoholspiegeln gekommen sein, die sogar zum Führerscheinentzug führten. Eine so hohe Alkoholproduktion ist sicher eine Ausnahme und Sie werden sich nicht darauf berufen können, falls Sie einmal über den Durst getrunken haben sollten. Allerdings muß man bedenken, daß Candida keine Reinzuchthefe ist und neben dem reinen Äthylalkohol (der in Bier und Wein enthalten ist) auch eine ganze Reihe von schädlichen Fuselalkoholen produziert. Sind die absoluten Mengen vermutlich gering, dürfte die kontinuierlich Belastung (24 Stunden pro Tag!) mit Fuselalkohol für empfindliche Personen und Lebergeschädigte durchaus eine Problem sein. Es ist nicht ausgeschlossen, daß das Gefühl von Benommenheit und Unwohlsein, unter dem Menschen mit Pilzbefall häufig leiden, durch solche Fuselalkohole mitverursacht wird.
Neben den Blähungen und der Schädigung durch Fuselalkohole verursacht eine übermäßige Pilzbesiedelung häufig auch Bauchschmerzen. Diese sind meist diffus und treten häufig nach dem Genuß von Süßspeisen, Kuchen, süßem Obst oder Zucker auf. Auch Durchfall kann eine Folge von Pilzen sein, wobei dann allerdings meist gleichzeitig der Dickdarm von der Pilzbesiedelung betroffen ist.

Pilzinvasion
Bisher war von Candida-Besiedelungen der Darmoberfläche die Rede. Pilze können aber auch - bei Abwehrgeschwächten - in das Darmgewebe selbst eindringen und dort Schädigungen hervorrufen. In diesen Fällen durchdringen die Hefen die Schleimhautoberfläche und befallen das Darmgewebe selbst. Wenn der Pilz derart in die Tiefe vordringt, werden die kleinen Blutgefäße in den Zotten verletzt. Darmblutungen sind die Folge. Der Pilz ist also nun in den Körper eingewachsen und kann sogar in die Blutbahn eindringen. Dann kommt es, ähnlich wie im Magen, zu örtlichen Durchblutungsstörungen, die den Darm in seiner Abwehrkraft schwächen und ihn für Krankheiten anfällig werden lassen. Solche Veränderungen treten besonders dann auf, wenn schwerwiegende oder mehrere Risikofaktoren für eine Pilzbefall vorliegen.


Pilzinvasion eines Dünndarmgeschwüres

Ähnliche Verhältnisse liegen vor, wenn der Darm aus anderen Gründen entzündet ist. Eine entzündlich veränderte Darmoberfläche ist verschwollen und bietet so den Pilzen zusätzliche Nischen und Winkel, in die sie sich einnisten können. Besonders gute Lebensbedingungen finden die Hefen vor, wenn Verletzungen (z.B. Geschwüre, Risse, Fisteln) vorliegen. Diese können dann in ähnlicher Weise wie Magengeschwüre besiedelt werden.
Dabei gilt aus meiner eigenen Beobachtung die Regel: Je entzündeter der Darm, desto häufiger und ausgeprägter ist die Pilzbesiedelung. Am ausgeprägtesten ist dies bei den chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Hier findet sich bei der Mehrzahl der Patienten ein massiver Pilzbefall. Aber auch bei weniger schweren Formen der Darmentzündung (z.B. Reizdarm-Syndrom) können regelmäßig große Mengen an Pilzen im Stuhl festgestellt werden.
Diese Pilze sind nicht unbedingt die einzige Ursache der Erkrankung. Sie setzten sich als Opportunisten auf den entzündeten Darm und nützen dessen Abwehrschwäche aus. Es kommt also zu einer sogenannten "Sekundärinfektion" ("Zweiterkrankung"). Diese Folgekrankheit kann allerdings die eigentliche Erkrankung so verschlechtern, daß sie zum Schluß zum Hauptproblem wird.


Bärbel war eine meiner ersten Patientinnen, bei der mir der Zusammenhang zwischen chronischer Darmentzündung und Pilzbefall deutlich wurde. Seit dieser Zeit habe ich unzählige Patienten untersucht und fand immer wieder bestätigt, daß Pilze eine wesentliche Rolle bei diesen Krankheiten spielen. Eine Entfernung des Pilzes ist für den betroffenen Menschen so gut wie immer ein großer therapeutischer Fortschritt. Nicht in jedem Fall verschwinden dann alle Beschwerden so wie bei Bärbel. Dazu hängen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen von zu vielen Faktoren ab. Allerdings werden Hefepilze in ihrer Bedeutung für diese Darmerkrankungen bei weitem unterschätzt. Dies ist sehr bedauerlich, da es ein Leichtes ist, den Pilzbefall zu beseitigen und so den Zustand dieser wahrlich leidgeprüften Patienten zu erleichtern.
Seit der Erfahrung mit Bärbel habe ich mir daher angewöhnt, alle Patienten mit chronischen Magen-Darm-Erkrankungen in regelmäßigen Abständen auf Pilze zu untersuchen. Die Häufigkeit hängt mit der Schwere der Erkrankung zusammen, als Faustregel empfehle ich etwa einmal pro Jahr.
Falls dann Pilze gefunden werden, sollten diese entfernt werden, selbst wenn keine Beschwerden vorhanden sind. Die Gefahr ist zu groß, daß diese sich in einer Krisensituation massiv vermehren.
Ein weiteres Problem bei chronischen Darmerkrankungen sind die häufigen allergischen Reaktionen auf Hefepilze, speziell auf Candida albicans.
Diese besondere Situation werde ich im Kapitel über die Hefepilzallergie gemeinsam mit anderen allergischen Reaktionen besprechen. (Siehe S. **)

Hefen und Hyphen
Sie erinnern sich vielleicht an die Tatsache, daß Candida-Hefen in zwei Formen vorkommen können: In der rundlichen Sproßzellen-Form und in der fadenförmigen Pseudomyzel-Form. Der Pilz kann sich also verwandeln. Etwas vereinfacht kann man sagen, daß sich die Hefe immer dann in die Fadenform begibt, wenn sie ungünstige Umweltbedingungen vorfindet. Solche Zustände sind zum Beispiel Nahrungsmangel, alkalisches Milieu (pH > 6,5) oder ein Mangel an Spurenelementen (Zink, Eisen, Magnesium).
Dann verwandelt sich die Hefe und versucht, in ihrer aggressiveren Variante mit Hilfe der Fädchen in die Schleimhaut einzudringen. Ihr Ziel ist das "Anbohren" der kleinen Kapillaren, die sich in jeder Zotte befinden. Gelingt das, kann sich der Pilz vom reichlich vorhandenen Blutzucker bequem ernähren.

Dies ist ein nicht unerheblicher Angriff auf den Darm, da nun die Gefahr eines weiteren Eindringens des Pilzes in den Körper besteht. Ermöglicht wird dies durch die besondere Enzymausstattung der Pilzfäden. Mit ihrer Hilfe sind sie in der Lage kleine Löcher in die Darmoberfläche zu schneiden.

Rasterelektronische Aufnahme von Candida albicans-Hyphen aus dem Dünndarm

Falls Sie einen Pilzbefall im Darm haben sollten, könnten Sie auf den Gedanken kommen, diesen einfach durch eine Fastenkur "auszuhungern". Dies ist an sich ein richtiger Gedanke: Durch Fasten entziehen Sie dem Pilz seine Ernährungsgrundlage, und er müßte daran zu Grunde gehen. Doch hier zeigt sich die Überlebenskunst der Candida-Hefe. Sie gibt sich nicht so schnell geschlagen, sondern kämpft um ihr Leben, indem sie sich in die Hyphen-Form umwandelt. Dabei sucht sie ihre Nahrung in den anliegenden feinen Blutgefäßen der Darmzotten. Sie durchbricht die Darmwand und bohrt sich bis in die darunterliegenden Blutgefäße vor, wo sie den dringend benötigten Blutzucker findet.
Durch das Fasten ist die Hefe also nicht verhungert. Sie hat sich im Gegenteil wesentlich fester im Gewebe eingenistet und ist zudem auch noch gefährlicher geworden. Gefährlicher deshalb, weil sie sich nun über das Kapillarnetz und die unmittelbar daneben liegenden Lymphgefäße im Körper ausbreiten kann. Es droht die Gefahr einer generalisierten Candida-Infektion.

Der Dünndarm ist aufgrund seiner nischenreichen großen Fläche besonders für Hefepilze anfällig. Fehlernährung, Medikamente (z.B. Antibiotika, Kortison), Krankheiten und Immunschwächen fördern das Wachstum der Candida-Hefen erheblich. Nicht jede Besiedelung macht auch Beschwerden. Bei massivem Befall kommt es zu Blähungen, Völlegefühl, Bauchschmerzen, Unwohlsein und Benommenheit. Wenn Pilze in die Darmwand eindringen oder bestehende Geschwüre besiedeln, kommt es zu erheblichen Beschwerden. Zusätzlich zu den Blähungen und Schmerzen kann es noch zu Durchfall mit Blut- und Schleimabgang kommen. Das Allgemeinbefinden ist in solchen Fällen deutlich reduziert.
Durch eine Fastenkur kann sich eine Candida-Hefe in die aggressivere Hyphen-Form verwandeln.