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Lärmempfindlichkeit

Misophonie, Hyperakusis und Phonophobie

Lärm wird jedoch nicht von allen Menschen gleich störend empfunden. Ein Teil reagiert deutlich sensibler als andere. Diese Gruppe hört nicht unbedingt besser als andere. Bei der Untersuchung beim HNO-Arzt stellt dieser beim Hörtest ein normales Hörvermögen fest. 

Allerdings haben die Betroffenen eine andere Lautheitsempfindung, die sich in einer Absenkung der Unbehaglichkeits- und Schmerzschwelle äußert. Sie fühlen sich durch Geräusche sehr viel früher gestört. Das Phänomen wird medizinisch als Hyperakusis (Hyper = zu viel) bezeichnet.  Falls Geräusche bereits  frühzeitig als schmerzhaft empfunden werden, spricht man von einer Hyperakusis dolorosa  (dolorosa = schmerzhaft).

Ein andere Form der Überempfindlichkeit ist die sog. Misophonie. Dabei empfinden Menschen gegen bestimmte Geräusche eine erhebliche Abneigung, ja, Ekel oder Wut. Oft sind das Kau- oder Schmatzgeräusche.

Woher kommt das? Was ist zu tun?

Lärmempfindlichkeit - allgemein

Die Augen können wir schließen, die Ohren nicht. Biologisch ist dies äußerst sinnvoll,  da das Gehör unser wichtigstes Sinnesorgan bei Gefahren darstellt. Selbst im Schlaf ist es ununterbrochen aktiv und weckt uns, wenn bedrohliche Geräusche registriert wurden. 

Die Klage über Lärm ist alt. Bereits vor fast 2000 Jahren klagte der römische Dichter Juvenal über die Unmöglichkeit, in der Stadt nachts zu schlafen. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich die Lärmbelästigung tatsächliche deutlich vermehrt. Dabei spielen Straßen- und Fluglärm die entscheidende Rolle. 60% der Bevölkerung leidet unter Straßenlärm, rund die Hälfte unter Fluglärm.

Die zunehmende Lärmbelastung ist vielfach untersucht und ausreichend bewiesen. Sie hat vor allem zwei wesentliche Folgen:

  • Schäden am Hörorgan. Dies ist vor allem Schwerhörigkeit und Tinnitus. Unter beiden Beschwerdebildern leiden jeweils etwa 20% der Bevölkerung in Deutschland
  • Psychische Folgen der Lärmbelastung: Lärm löst eine innere Stressreaktion aus. So als wären wir körperlich bedroht. Vor allem der nächtliche Lärm beeinträchtigt den Schlaf, da er unterschwellig eine Gefahr signalisiert, auf die sich der Körper mit vermehrter Bildung von Stresshormonen einstellt.

Formen der Lärmempfindlichkeit

Misophonie

Was ist Misophonie

2002 veröffentlichten Pawel und Margaret Jastreboff einen Artikel in dem sie das eigentümliche Phänomen erstmals ausführlich beschrieben. Sie schlugen den Begriff „Misophonie“ vor („Hass auf Geräusch“ ), der sich in den letzten Jahren relativ gut etabliert hat.

Gemeint ist eine abnorme Geräuschempfindlichkeit, die sich nicht auf alle sondern nur auf ganz spezifische Lautsignale bezieht und die ein relativ einheitliches Beschwerdebild hervorrufen.

Die Betroffenen reagieren mit einer starken Aversion oder Ekel, der schnell in Ärger oder sogar blanke Wut umschlägt und oft längerfristig einen Rückzug zur Folge hat. Gleichzeitig treten körperliche Symptome wie Herzklopfen, Muskelanspannung, Veränderungen der Atmung, innere Unruhe und andere Zeichen der Sympathikus-Aktivierung auf.

Auslöser/Trigger

  • Schmatz-, Kau- und Schluckgeräusche, Schlürfen, Kaugummikauen
  • Lautes Atmen, Seufzen, Schnarchen, Räuspern, Husten, Schniefen
  • Scharfe Konsonanten wie „S“ oder „K“, Knacken von Gelenke
  • Tippen auf Tischplatten oder Tastatur,  Klicken mit Kugelschreiben, tropfende Wasserhähn
  • Baby-, Kindergeschrei
  • Umweltgeräusche, Motorenlärm

 

Die Beschwerden sind also nicht auf Geräusche beim Essen und Trinken begrenzt. Letztlich kann jedes Geräusch eine negative Bedeutung einnehmen und zum Trigger werden.

 

 

Keine offizielle Diagnose - Beschwerde

„Misophonie“ ist keinesfalls eine etablierte Diagnose oder neue Krankheit. Es ist der Versuch eine Empfindung zu beschreiben und damit vielleicht auch besser zu verstehen. Derzeit gibt es auch noch keine einheitlichen Kriterien.

Allerdings werden häufig folgende Punkte herangezogen.

  • Ein von Menschen erzeugtes Geräusch oder dessen Erwartung löst Ablehnung, Ekel aus und geht rasch in Wut über.
  • Die Wut bedroht die Selbstkontrolle und kann in aggressiven Ausbrücken enden.
  • Die Kritik und Selbsteinsicht bleibt erhalten. Die Person erkannt die Unverhältnismäßigkeit der eigenen Reaktion.
  • Es liegt eine erhebliche subjektive Beeinträchtigung oder Leiden vor.
  • Ekel oder Wut lassen sich nicht durch andere Erkrankungen oder biographische Erlebnisse erklären.

Häufigkeit

Es ist natürlich schwierig die Häufigkeit einer Symptomatik zu bestimmen, die nicht eindeutig definiert ist. Je nach Untersuchung finden sich daher unterschiedliche Zahlen. Von College-Studenten soll fast jeder Fünfte betroffen sein.  Bei Patienten mit Tinnitus 60% und bei geräuschempfindlichen Menschen sogar 90%. Schätzungen gehen davon aus, dass 4-5% der Gesamtbevölkerung unter einer mehr oder weniger ausgeprägten Misophonie leidet.

Misokinesie

Bereits der Anblick

Nach längerem Verlauf der Symptomatik können nicht nur die Geräusche selbst sondern bereits der Anblick der entsprechenden Auslöser den gleichen Ekel und Wut auslösen ohne dass die eigentlichen Geräusche selbst wahrgenommen werden.  So reagieren einige Betroffene übermäßig auf Kniewippen, Kauen, Zähneputzen, Fingerklopfen, Fummeln an den Haaren, Nägelkauen, Lippenlecken, Daumendrehen usw.. Diese Variante wird manchmal als „Misokinesie“ bezeichnet, also als Hass auf Bewegung.

Hyperakusis

Wenn Geräusche stören oder irritieren muss keineswegs immer eine Misophonie vorliegen. Eine wichtige Abgrenzung sind organische Formen der Geräuschempfindlichkeit.

Im Gespräch mit Schwerhörigen gibt es ein gut bekanntes Problem. Die Betroffenen bitten den Gesprächspartner etwas lauter zu sprechen. Kaum tut der das, beschweren sie sich: „Du brauchst nicht gleich zu schreien!“

Ein gesundes Gehört kann eine unglaubliche weite Spanne von Lautstärken mühelos verarbeiten. Das geht vom feinsten Rascheln bis zum Dröhnen eines Presslufthammers. Dabei werden die leisen Töne von unserer Wahrnehmung verstärkt während die lauten Signale gedämpft werden. In jungen Jahren wird daher auch extrem laute Discomusik nicht als unangenehm wahrgenommen.

Mit zunehmender Schwerhörigkeit - vor allem im Alter - wird das Hörvermögen nicht nur für leise sondern auch für laute Geräusche eingeschränkt. Das Spektrum der Wahrnehmung für Lautstärke wird schmaler, die sog. Unbehaglichkeitsschwelle ist gesenkt. Maschinengeräusche, Straßenlärm oder laute Musik sind jetzt störend, ja schmerzhaft. Es liegt eine organisch bedingte Hyperakusis also eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen vor.

Im Unterschied zur Misophonie werden bei der Hyperakusis jedes laute Geräusche als unangenehm empfunden. Nicht selten kommt es zu verstärkter Schreckhaftigkeit und auch körperliche Reaktionen sind verbreitet: Verspannung der Halsmuskulatur, Herzklopfen bei lauten Geräusche, Schwitzen oder Blutdruckschwankungen.

Eine Hyperakusis gibt es auch bei Migräne, M. Menière oder andere organischen Erkrankungen des Gehörs.

Phonophobie

Manchmal wird die Misophonie auch von der „Phonophobie“ (Angst vor Geräuschen) abgegrenzt. Der Unterschied ist eher gering. Bei der Phonophobie soll die Angst überwiegen, während bei der Misophonie, der Abscheu, der Ekel und die Wut dominieren.

Eine weitere Unterscheidung betrifft die allgemeine Reizempfindlichkeit. Es gibt Menschen, die auf alle äußeren Reize sensibler reagieren. Nach einer eigenen online Untersuchung mit mehr als 1000 Teilnehmern zeigte sich Geräuschempfindlichkeit hochgradig mit Lichtempfindlichkeit und Geruchsempfindlichkeit assoziiert.

Ausprägung

Eine gewisse Form der Abneigung gegenüber lautem Schmatzen und Grunzen dürfte wohl eher die Regel als die Ausnahme sein. Auch vom Geräusch ständig trommelnder Finger auf der Tischplatte sind die meisten Menschen nicht begeistert.  Ein gewisses Maß an Misophonie dürfte also durchaus normal sein.

Die Ausprägung kann mit Skalen erfasst werden. In einem 11-stufigen Fragebogen wird die Ausprägung so beschrieben:

  1. Ich bin mir der Anwesenheit einer bekannten Trigger-Person bewusst, fühle aber keine oder nur minimale antizipatorische Angst
  2. Bekannte Triggergeräusche lösen nur minimales psychisches Unbehagen, Irritation oder Belästigung aus. Keine Symptome von Panik oder Kampf- oder Fluchtreaktion.
  3. Ich fühle ein zunehmendes Maß an psychischem Unbehagen, zeige aber keine körperliche Reaktion. Ich kann auf audio-visuelle Reize hyperwachsam sein.
  4. Ich erlebe erhebliches psychisches Unbehagen und einige Gewaltgedanken.
  5. Panik-/Wutreaktion in vollem Gange. Bewusste Entscheidung, keine Gewalt an der auslösenden Person anzuwenden. Tatsächliche Flucht aus der Nähe des Lärms und/oder Anwendung von körperlicher Gewalt an einem unbelebten Objekt. Panik, Wut oder starke Gereiztheit können sich in meinem Verhalten zeigen.
  6. Tatsächliche Anwendung von körperlicher Gewalt an einer Person oder einem Tier (z. B. einem Haustier). Gewalt kann auch gegen sich selbst ausgeübt werden (Selbstverletzung).

Ursachen

  • Am häufigsten dürfte eine Fehlverarbeitung von Schalleindrücken sein. Die Reize werden nicht ausreichend gefiltert. Kurz, die Reizschwelle für die Signale ist gesenkt. Diese Art der Fehlverarbeitung dürfte vor allem bei Fibromyalgie, Migräne, Depressionen und Angsterkrankungen vorliegen.
  • Paradox wirkt die erhöhte Lärmempfindlichkeit von Schwerhörigen. Bei Hörgesunden werden leise Geräusche automatisch verstärkt, während zu laute gedämpft werden. Das Phänomen wird als „Recruitement“, also eine Art „Lautheitsausgleich“, bezeichnet. Beim Schwerhörigen fällt dieses Recruitement aus. Sie verstehen dann sowohl die leise Sprache nicht („Sprich bitte lauter“) und empfinden auf Grund des Ausfalls des Recruitements die laute Sprache als unangenehm („Schrei doch nicht so“).
  • Auch weitere Erkrankungen können zur Hyperakusis  führen: Tumore, bestimmte Medikamente, Migräne, neurologische Erkrankungen, Epilepsie, Tinnitus und beim meist einseitigen Ausfall des Stapedius-Reflexes, einem Schutzmechanismus, bei dem der Steigbügel im Mittelohr zum Schutz vor lauten Geräuschen weggekippt wird. 

Ursachen bei Misophonie

Die Überempfindlichkeit gegenüber Geräusche konnte bei sog. funktionellem MRT-Untersuchungen tatsächlich nachgewiesen werden. Die Betroffenen zeigten eine vermehrte Durchblutung im Frontalhirn und Mandelkern nach unangenehmen Geräuschen. Doch dieses Ergebnis ist keineswegs ein Hinweis auf eine organische Schädigung. Es ist lediglich das körperliche Korrelat der Empfindung.

Kern der Misophonie ist nicht Angst sondern Ekel. Die Betroffen wenden sich in der Folge ab, sie möchten fliehen. Falls das nicht möglich ist,  entsteht Aggressivität oder Wut.

Ekel ist ein angeborenes Gefühl, das uns vor Vergiftung schützten soll. Es kann mit einem Würgereflex oder Übelkeit gepaart sein. Der Anblick von Verdorbenem „kotzt uns an“. Während sich der angeborene „Kern-Ekel“ auf Gift, Exkremente und Körperflüssigkeiten bezieht, gibt es auch abgeleitete, indirekte Formen, die stark von der Erziehung abhängen.

Misophonie wird in aller Regel erst auf dieser persönlichen Erfahrungsebene verstehbar. In gewissen Situation kommen meist drei Dinge zusammen: Ein unangenehme emotionale Erfahrung,  ein bestimmtes akustisches Signal und fehlende Rückzugsmöglichkeit. So kann eine klassische Konditionierung wie beim Pawlowschen Hund entstehen.

Wenn sich dann in der Folge die Aufmerksamkeit auf die entsprechenden Geräusche richtet, wird selbstredend die Problematik verstärkt. Werden jetzt auch noch solche Situationen gemieden, wird die Symptomatik zwar kurzfristig besser doch dafür langfristig schlechter. Wer wegen einer Hundephobie allen Vierbeinern aus dem Weg geht, hat kaum Chancen die Angst zu überwinden, da er keine korrigierenden Erfahrungen machen kann. Die meisten Hunde beißen eben nicht.

Rückzug, Meidung und Angst

Ist die Lärmempfindlichkeit ausgeprägt und werden bereits mittlere Lautstärken als unangenehm oder schmerzhaft empfunden, reagieren die Betroffenen verständlicherweise mit einem Rückzug und vermeiden laute, unruhige Umgebungen. Vor allem wenn sich verschiedene Geräuschquellen mischen (Fernsehgerät und Radio gleichzeitig, Musik und viele Stimmen) dann geraten sie in innere Not. Manche Betroffene ziehen sich fast ganz aus dem öffentlichen Leben zurück und trauen sich aus der sicheren Wohnung nicht heraus. 

Manche entwickeln in der Folge Ängste vor lauten Geräuschen, was man als „Phonophobie“ (Phobie = umschriebene Angst) bezeichnet.

Therapie

Dosierte Exposition

Die Meidung von lauten Geräuschen mag verständlich sein. Sinnvoll ist sie nur sehr eingeschränkt. Zwar finden die Betroffenen in der Ruhe eine gewisse Entlastung, doch die erhöhte Sensibilität lässt so nicht nach. Auch das Tragen von Lärmschutz (z.B. Ohropax) ist allerhöchstens eine Lösung für den Notfall. Durch die Meidung der Geräusche gewöhnt sich das Gehör an die leisen Umgebungsgeräusche und es kommt zu einem Teufelskreis aus zunehmender Sensibilität und Meidung von Lärm.     

Wie auch bei den anderen hier vorgestellten Krankheitsbildern liegt in der Anhebung der Reizschwelle das langfristig wirksamere Konzept. Neben den allgemeinen Empfehlungen gibt es jedoch auch spezifischere therapeutische Verfahren. 

Grundsätzlich geht es darum, wie eine erhöhte Toleranz für Geräusche Schritt für Schritt erzielt werden kann. Das Training dient dazu, das Meidungsverhalten und die Angst zu überwinden. 

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