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Vom Frieren, Frösteln und von Frostbeulen 

Kälteempfindlichkeit

 

Es trifft vor allem Frauen:  Während der Partner über die „Bullenhitze“ im Zimmer klagt, ziehen sie lieber noch einen Pulli mehr an. Bereits 20° C Raumtemperatur lässt sie frösteln. Ohne Mütze, Handschuhe und dicke Strümpfe verlassen sie auch in der Übergangszeit selten das Haus. Was steht hinter dieser besonderen Empfindlichkeit?

Grundlagen

Viele Temperaturen

Der Mensch hat eine Körpertemperatur von 37°C, das weiß jedes Kind. Allerdings ist dies eine starke Vereinfachung. Es gibt tatsächlich nicht die einzige Temperatur im Körper, sondern sehr viele. 

37°C herrschen nur im Körperkern, also in den wichtigsten Organen wie Herz, Niere, Leber oder Gehirn. Ihr Anteil am Körpergewicht ist jedoch gering – rund 10%. Muskeln und Haut stellen dagegen mehr als 50%. Sie werden zusammen mit Armen und Beinen meist als Körperschale bezeichnet. Ihre Temperatur unterliegt starken Schwankungen. Ist es draußen kühl, schützt sich der Körper vor Kälteverlust, indem er die Temperatur in der Schale absenkt. Bei Sport dagegen können die Muskeln den Körper auf 39°C aufheizen. 

Darüber hinaus schwanken die Werte im Verlauf des Tages. Nachts sinken sie um fast ein Grad ab und am Nachmittag steigen sie auf Werte um 37,8 ° an.

Am wohlsten fühlt sich ein unbekleideter Mensch bei 29-30°C, eine Temperatur, wie sie in der Wiege der Menschheit in Ostafrika tagsüber herrscht. 

Grosse Spannweite

Auch wenn die Temperatur im Laufe des Tages um fast 2° schwankt, ist der Bereich, in dem wir überleben können, nicht sehr breit. Bei Fieber über 42° kommt es zu einem Verlust des Bewusstseins und zum Zusammenbruch des Kreislaufs. Spätestens ab 43° gerinnt das Eiweiß. Unter 27° droht der Tod in der Kälteerstarrung. Nur wenige Menschen können noch tiefere Kerntemperaturen unbeschadet überstehen.

Obwohl die meisten Menschen Kälte als sehr viel unangenehmer empfinden, ist die Kältetoleranz des Menschen also weitaus höher (10° und mehr) als die Wärmetoleranz (maximal 5°). 

Mehr Kälte- als Wärmesensoren

Die Temperaturregulation wird von rund 30.000 Kälterezeptoren und 3.000 Wärmerezeptoren überwacht. Diese Nerven finden sich am ganzen Körper, besonders dicht im Gesicht, vor allem um den Mund. Die Sensoren geben ihre Information an das Gehirn weiter, wo sie weiter verarbeitet werden. Der Sollwert wird vom Thalamus festgelegt. In der Regel sind dies 37° C Kerntemperatur. Bei gefährlichen Infektionen wird die Solltemperatur erhöht, Fieber ist die Folge.

Der Thalamus gibt dann Befehle an das vegetative Nervensystem, um die notwendigen Korrekturen einzuleiten, wenn die gemessene Temperatur vom Soll-Wert abweicht. 

Steuerung von oben

Der Thalamus gibt Befehle an das vegetative Nervensystem, um die notwendigen Korrekturen einzuleiten, wenn die gemessene Temperatur vom Soll-Wert abweicht. 

Ist die Temperatur zu niedrig, kommt es zu:

  • Kälteempfinden, Frieren, Frösteln
  • Kältezittern, im Extremfall Schüttelfrost
  • Verengung der Hautgefäße, Gänsehaut
  • Umverteilung der Durchblutung, die Temperatur von Armen und Beinen sinkt

Ist Temperatur zu hoch, kommt es zu

  • Wärmeempfinden, Hitzegefühl
  • Vermehrung der Durchblutung der Haut mit begleitender Hautrötung,
  • Verbesserung der Durchblutung von Armen und Beinen
  • Schwitzen

Fröstelfaktoren

Frieren und auch Hitzegefühl sind also Warnsignale, die den Körper zu entsprechenden Gegenmaßnahmen veranlassen. Ob wir frieren, hängt nicht nur von der Außentemperatur, sondern auch von weiteren Faktoren ab:

  • Dicke der Fettschicht
  • Körpergewicht
  • Dicke der Haut
  • Trainingszustand
  • Muskelmasse
  • Gewöhnung, Stimmung (Angst, Unsicherheit)
  • Hormone (Schilddrüse, Sexualhormone)
  • Blutdruck
  • Störungen des Nervensystems (z.B. bei Diabetes)
  • Zahlreiche Krankheiten
  • Schmerzen
  • Schlafmangel 

Frieren als Schutz

Frieren und auch Hitzegefühl sind also Warnsignale, die den Körper zu entsprechenden Gegenmaßnahmen veranlassen. Bei extremer Kälte oder Wärme werden alle Reserven mobilisiert. Stresshormone (Kortison, Adrenalin, Noradrenalin) werden ausgeschüttet, um das bedrohte Gleichgewicht wieder herzustellen. 

Bei Menschen, die zum Frieren neigen, setzt diese Stressreaktion sehr früh ein. So erklärt sich das Gefühl von Angst und Bedrohung, da der Körper reagiert, als würde etwas Lebensgefährliches geschehen. Für diese Menschen kann eine Reihe von kalt-feuchten Tagen eine echte Belastung darstellen. Infolge der Belastung treten dann Abgeschlagenheit, Infektanfälligkeit und Erschöpfung auf. 

Frauen und Männer

Zwischen Männern und Frauen bestehen oft belächelte Unterschiede. Frauen frieren tatsächlich sehr viel leichter. Obwohl sie über ein dickeres Unterhautfettgewebe verfügen, ist ihre Haut gleichwohl dünner als bei Männern. So kommen die empfindlichen Kälterezeptoren dichter unter die Haut zu liegen und lösen leichter einen Kältereiz aus. Gleichzeitig haben Männer im Durchschnitt mehr Muskeln, die auch im Ruhezustand kräftig Wärme produzieren. Schließlich sind Frauen im Durchschnitt leichter und haben so eine relativ größere Oberfläche, was zu zusätzlichem Wärmeverlust führt. 

Gewöhnung oder Meidung

Von Süd- und Nordländern

Doch den Umgang mit Kälte kann man auch erlernen. Am wohlsten fühlt sich ein unbekleideter Mensch bei 29-30°C, eine Temperatur wie sie in der Wiege der Menschheit in Ostafrika tagsüber herrscht. In den nördlichen Regionen benötigen wir Kleidung. Gleichzeitig haben wir uns auch im Verlauf der Besiedelung dieser Breiten an die Kälte angepasst. Eskimos haben es hier zur Meisterschaft gebracht. Sie schätzen bereits bei schattigen 8°C das laue Lüftchen und empfinden ein kurzes Hemd als angebrachte Bekleidung. Bei der gleichen Temperatur benötigt ein Bewohner Afrikas noch Mütze und Handschuhe. 

Nachteil der Zentralheizung

Seit der Erfindung von Zentralheizung und Klimaanlage werden immer geringere Ansprüche an die körpereigene Thermoregulation gestellt. Gemäß dem Motto „wer rastet, der rostet“ verliert die Feinabstimmung der Temperaturregulation einen Teil ihrer Fähigkeiten. So frieren Menschen mehr, die sich stets in gleichmäßig beheizter oder temperierter Umgebung aufhalten. 

Es war in früheren Zeiten vermutlich nicht sehr gemütlich, zwischen der gut geheizten Küche und den kalten Stuben hin- und herzugehen, für die Temperaturregulation war dies aber ein optimales Training. Innerhalb eines Tages passte sich die Haut- und Muskeldurchblutung dutzende, vielleicht hunderte Male an. 

Zum Bewegungsmangel kommt also für uns Menschen heute ein Mangel an Kälte- und Wärmereizen hinzu. 

Teufelskreis der Meidung

Warum frieren also manche Menschen, während es anderen immer angenehm warm ist? Wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht, kommen meist mehrere Faktoren zusammen. Ganz wesentlich erscheint der allgemeine Trainingszustand, das Verhältnis von Muskeln zu Fettgewebe, Angst und die Gewöhnung an die Kälte zu sein. 

Wer nun sich als „Frostbeule“ empfindet, der wird die Kälte meiden, gut heizen und sich wärmer anziehen. So verständlich diese Reaktionsweise ist, nichts verschlechtert die Thermoregulation mehr als diese Form der Schonung. Durch die systematische Vermeidung der Kälte wird das Zusammenspiel von Nerven, Hormonen und Gefäßen nicht trainiert. Das System verliert an Kompetenz, die Regulation wird schlechter und die Toleranz gegenüber Kälte lässt nach. Ein Teufelskreis! Die Meidung der Kälte ist der sicherste Weg, die abnorme Empfindlichkeit beizubehalten. 

Frieren und Angst

Angst

Angst macht häufig die sprichwörtlichen kalten Füße. Wie kommt das. Zwei Faktoren scheinen hier besonders wichtig zu sein. 

  • Vermehrte Wahrnehmung der Kältereize
  • Verstärkte Gegenregulation des Körpers als Schutz vor Auskühlung

Wahrnehmungsverstärkung

Unser Körper erhält permanent Informationen von den unterschiedlichsten Sensoren. Schmerz-, Druck-, Berührung-, Kälte- und Wärmesensoren überfluten das Zentralnervensystem mit „Statusmeldungen“. 

„Im linken zweiten Zehen an der Unterseite mittig herrscht gerade eine Temperatur 36,5° C“ könnte so eine Statusmeldung lauten. Das ist nicht gerade aufregend, da so eine Temperatur dem Normalwert entspricht. Also wird diese Information ausgeblendet. Auch die Tatsache, dass gerade Strümpfe und Schuhe getragen wird, ist im Normalfall wenig interessant und gelangt daher nicht ins Bewusstsein. 

Doch anders ist es, wenn Signalen eine Bedeutung zukommt. Es reicht bereits, wenn Sie an Ihre Zehen denken, dass Sie dort möglicherweise ein leichtes Kribbeln verspüren. Kurz: Signale gelangen dann ins Bewusstsein wenn Sie eine Bedeutung haben. 

Wird Kälte als bedrohlich empfunden, wird sie intensiver wahrgenommen, als wenn diese als unbedeutend bewertet wird.  Am schlimmsten ist es wenn Kälte mit Angst verbunden wird.  „Vielleicht kühle ich völlig aus!“ „Vielleicht hole ich mir eine Lungenentzündung!“ Solche Befürchtungen steigern die Wahrnehmung automatisch. 

Gegenregulation

Was macht der Körper, wenn Kälte gefährlich ist? Er versucht den Wärmeverlust zu minimieren. Dazu werden die unwichtigen Körperregionen weniger durchblutet: Füße, Hände, Beine, Arme und generell die Körperschale. Das ganze Blut wird in die wichtigen inneren Organe und das Gehirn geleitet. Die Folge sind eiskalte Füße, Hände, Beine oder Gesäß. 

Nächtliches Frieren

Marion, eine 34jährige Patientin berichtete mir folgende Beobachtung. Sie neige sehr zum Frieren und ziehe sich immer schön warm an. Doch fiere sie auch schrecklich nachts. Allerdings nicht immer. Sie friere vor allem wenn ihr Mann auf Dienstreise sei. Obwohl an der Temperatur des Schlafzimmers sich nichts geändert habe, würde sie dann trotz zwei Decken einfach nicht richtig warm. Sobald der Mann wieder zurück sei, brauche sie die doppelte Zudecke nicht mehr. Dabei halte der Mann sie keineswegs die ganze Zeit in den Armen. Es reiche einfach, wenn er neben ihr liege. Sogar wenn er nur in der Wohnung sei, wäre ihr im Bett schon warm.  

Therapie

Training statt Meidung

Das Kältetraining steht bei der Therapie ganz im Vordergrund. Die aktive Auseinandersetzung mit der Kälte ist die beste Methode, die Überempfindlichkeit zu überwinden. Das fällt am Anfang schwer und natürlich wird es als Zumutung empfunden,  im Winter hinauszugehen, wenn man bereits am ganzen Leib schlottert. 

Leichter geht es, wenn man sich zuerst aufwärmt und dann in die Kälte geht. Das geht zum Beispiel durch Wechselduschen: Am Anfang richtig heiß, dann eiskalt. Auch die Sauna funktioniert nach diesem Prinzip. Die positive Wirkung geht vor allem vom abrupten Abkühlen nach dem Schwitzbad aus. Wichtig ist das kalte Tauchbecken oder die Schwallbrause.

Sauna ohne Abkühlung ist nur wenig therapeutisch. Hier werden die Gefäße nur maximal weit gestellt. Der eigentliche Trainingseffekt, die maximale bewusste Engstellung, bleibt aus. 

Auch die Bewegung in der Natur, bei der man die Kälte ruhig einmal spüren darf, fördert die Temperaturregulation.

Wärmende Gedanken

Die Bewertung der Kälte entscheidet also zu einem wesentlichen Teil, wie der Körper reagiert. Daher kann es sinnvoll sein, sich selbst die Angst vor der Kälte zu nehmen. Das geht einmal durch eine Änderung der inneren Einstellung. Statt die Kälte als bedrohlich wahrzunehmen, kann sie auch als erfrischend, belebend oder aktivierend  angesehen werden. Sie kann einen wunderbar klaren Kopf machen.

Vielleicht erinnern Sie sich einmal, wie es als Kind war, als der erste Schnee gefallen war und Sie sich darauf freuten, Schlitten fahren zu können. Vor Frieren keine Spur! Nur schnell hinaus!

Noch wirksamer wird das, wenn Sie das mit einer realen Erfahrung verbinden. Also einmal bei klirrender Kälte leicht bekleidet ins Freie treten und die Kälte „genießen“. Am Anfang nur kurz, dann länger.

Kältekammer gegen Frieren

Das denkbar intensivste Regulationstraining ist der direkte Wechsel von einer Infrarotkammer (ca. +80° C) in eine Kältekammer (ca. -80°C), mit dem wir Patienten behandeln. Durch den riesigen Temperatursprung wird das Regulationssystem maximal trainiert.  Erst durch die Vorbehandlung mit Wärme sind auch sehr verfröstelte Menschen in der Lage,  die Angst vor der überirdisch kalten Luft zu überwinden.

Alle diese Erkenntnisse sind nicht neu. Pfarrer Kneipp entdeckte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die wohltuende Wirkung des kalten Wassers, als es ihm gelang, durch tägliches Baden in der kalten Donau seine Tuberkulose zu heilen. Daraus entwickelte er die nach ihm benannten und sehr empfehlenswerten Anwendungen.

Wer so regelmäßig trainiert, der wird innerhalb weniger Wochen überraschend schnelle Erfolge verzeichnen können. Die übermäßige Kälteempfindlichkeit lässt nach. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Produktion von Stresshormonen auf Kälte dann deutlich geringer ist. Der Körper geht mit den frostigen Aussentemperaturen gelassener um. 

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