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Die Angst vor dem Abgrund

Höhenangst (Akrophobie)

Höhenschwindel und Höhenangst sind sehr weit verbreitete Phänomene. Rund einem Drittel aller Menschen wird es bei einem Blick in die Tiefe irgendwie mulmig. Nicht alle von diesen leiden unter einer echten Erkrankung. Tatsächlich sucht nur ein sehr kleiner Teil aller Betroffenen therapeutische Hilfe. 

Hier findet sich daher einiges zu den Hintergründen und Informationen, zu den Therapiemöglichkeiten bzw. zur Selbsthilfe. 

Häufigkeit

Häufigkeit

Höhenangst ist ein ausgesprochen häufig auftretendes Phänomen. Rund ein Drittel aller Frauen und ein Viertel des „starken Geschlechts“ verspüren zumindest gelegentlich eine gewisse Beklommenheit beim Blick in große Tiefen sowie beim Besteigen hoher Türme oder Berge. Das Spektrum der Empfindungen kann von einem mulmigen Gefühl bis zu Todesängsten reichen. Schwer Betroffene sind im Alltag in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Sie reagieren mit Schwindel, Beklemmungsgefühlen, Atemnot, Schwitzen, Herzrasen bis hin zu Panikattacken und versuchen, diese Situationen nach Möglichkeit und unter manchmal großem Aufwand oder über Umwege zu meiden. In einem solchen Fall liegt eine echte Phobie vor, eine sogenannte Akrophobie (vom Griechischen ákros „Gipfel“, „Spitze“ und phóbos „Furcht“, „Angst“).

Ursachen

Physiologisches Schwanken

Ein leichtes Schwanken ist normal. Der Körper ist in der Lage, sich selbst zu stabilisieren. Die Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan und der Körperwahrnehmung (Propriozeption) sind dazu ausreichend. Daher ist es möglich, auch mit geschlossenen Augen das Gleichgewicht zu halten. Allerdings geben die Augen eine wesentliche Zusatzinformation. Beim natürlichen leichten Schwanken werden nahe Dinge jeweils aus einem anderen Winkel gesehen und ergeben so eine stabilisierende Rauminformation. 

Blick in die Ferne

Beim Blick in die Ferne ohne nahe Objekte führt das physiologische Schwanken nicht zu einer veränderten Perspektive der Objekte. Die minimalen Unterschiede der Perspektive sind nicht wahrnehmbar. Die Zusatzorientierung fällt weg. 

Besonders ausgeprägt ist dies bei einem Blick durch ein Fernglas. Es kommt zu einem Widerspruch: Die Objekte scheinen nah zu sein, sind es aber in Wirklichkeit nicht. Daher verstärkt sich das Schwanken. Es empfiehlt sich daher nicht, auf Bergspitzen oder vor Abhängen ohne Absicherung mit einem Fernglas in die Weite zu schauen!

Möglicherweise spielt dieses Phänomen auch bei der Verunsicherung durch große, unstrukturierte Räume eine Rolle: Weite, leere Plätze oder große Räume mit diffuser Beleuchtung (Museumsräume, große Hallen). Damit hätte auch die Agoraphobie (Angst vor weiten Plätzen, Agora=Marktplatz) eine physiologische Grundlage. Nicht zu verwechseln ist dies mit der Angst vor der Enge oder vor Räumen mit vielen Menschen, die häufig gleichfalls als Agoraphobie bezeichnet wird. 

Blick in die Tiefe

Beim Blick in die Tiefe ist die Irritation deutlich stärker als beim Blick in die Ferne. Sie wird bereits bei einem schrägen Blick von 45° ausgelöst und wird dann zunehmend unangenehmer, je steiler es ist. Auch die beunruhigende Entfernung ist deutlich kürzer als beim Blick in die Ferne. Schon bei 3 m setzt das Phänomen ein und hat bei etwa 20 m bereits die maximale Wirkung erreicht. 

Das Schwanken kann möglicherweise auch als Problem durch fehlendes Feedback verstanden werden. Das leichte physiologische Schwanken führt bei nahen Objekten zu einer Verbesserung der Rauminformation. Bei ferneren Objekten ist es daher naheliegend, diese Zusatzinformation durch größere Körperbewegungen zu erreichen. Die stabilisierende Information kann jedoch nicht zustandekommen, wenn Objekte zu weit entfernt sind. 

Eigentlich normal: Höhenschwindel

Normaler Höhenschwindel

Die Meidung eines Abgrundes ist ein angeborenes Verhalten, das schon bei Babys und bei Tieren zu beobachten ist. Es ist naheliegend, dass dieses Verhalten in der Evolution sinnvoll war. Menschen, die sich vorsichtiger an Klippen herantrauten, hatten vermutlich ein längeres Leben. 

Doch die Verunsicherung beim Blick in die Tiefe lässt sich präziser erklären. Wenn ein Mensch ruhig aufrecht steht, dann steht er nicht völlig unbeweglich, sondern macht kleine Schwankungen vor-zurück und zur Seite links-rechts. Das ist normal. Wir korrigieren beständig die kleinen Abweichungen von der Lotrechten durch mehrere Sensoren (Innenohr, Muskelsensoren, Auge), um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Wesentlich ist dabei, dass die unwillkürlichen Schwankungen zu einer veränderten Wahrnehmung von nahen Gegenständen führen. Einmal werden diese mehr von links, dann von rechts gesehen. Dies gibt eine Zusatzinformation über die Position im Raum und trägt so zur Stabilität bei. 

Wie wichtig die Augen dabei sind, wird schnell deutlich, wenn Sie sich auf ein Bein stellen und die Augen schließen. Nach kurzer Zeit werden die Schwankungen deutlich stärker und irgendwann benötigen Sie das zweite Bein zur Stabilisierung. 

Die optische Korrektur gelingt besser, wenn Sie Objekte beobachten, die sich in Ihrer Nähe befinden, da diese bei den kleinen Schwankungen des Körpers jeweils ein wenig aus einem anderen Winkel gesehen werden. So können Sie sich also mit Hilfe Ihrer beiden Augen im Raum gut orientieren. 

Wenn z.B. eine Wand sich in nur zwei Metern Abstand vor Ihnen befindet, dann werden Sie relativ wenig schwanken. Die Orientierung ist leicht. Doch rückt die Wand 100 Meter oder mehr weg, dann gelingt diese optische Stabilisierung deutlich schlechter. Das Schwanken (vor-zurück) nimmt schnell zu.

Noch stärker werden die unwillkürlichen Bewegungen beim Blick in die Tiefe. Hier werden maximale Schwankungswerte schon bei 20 Metern Tiefe erreicht. 

Kurz: Desorientierung und Schwindel in der Höhe/Weite haben eine physiologische Grundlage, nämlich die schlechtere Orientierungsmöglichkeit,  wobei der Schwindel meist mit einigen Sekunden Verspätung einsetzt. 

Das Besondere: Jetzt nimmt tatsächlich die Gefahr des Stürzens zu, da der Körper natürlicherweise mehr schwankt. Und so hat auch die Angst einen gewissen rationalen Kern. 

Nicht so normal: Höhenangst (Akrophobie)

Entwicklung der Höhenangst

Sehr häufig tritt erstmalig Höhenschwindel im Jugendalter auf,  z.B. beim Besteigen eines hohen Turmes. 

Wie stark der Schwindel auftritt, hängt dabei auch von der Körperhaltung ab. Im Liegen ist dieser am geringsten, im Knien und Sitzen mehr und am stärksten im Stehen. Natürlich spielt auch die übrige Konstellation (Geländer, abschüssig, begleitende Menschen, Dunkelheit usw. ) eine große Rolle. 

Menschen mit höherer Sensibilität, Ängstlichkeit, Vorerfahrungen mit Stürzen, anderen ungünstigen körperlichen, sozialen oder seelischen Belastungen sind für die Symptomatik eher anfällig. Auch das Modell der Eltern/Freunde ist bedeutsam. Wenn ein Elternteil sich nicht auf einen hochgelegenen Balkon traut, dann wird ein kleines Kind automatisch lernen „hier droht Gefahr“. 

Damit sich jedoch eine relevante Höhenangst entwickelt, muss in aller Regel ein weiteres Element hinzukommen: Die Meidung der Höhe!

Auf den ersten Blick ist es natürlich sinnvoll, hohe Leitern/Brücken/Gebäude usw. zu meiden, wenn dies Unwohlsein verursacht. Aber leider wird auf diese Weise eine korrigierende Erfahrung verpasst. Tatsächlich sind ja nur sehr wenige Abgründe im Alltag gefährlich. Die meisten sind hervorragend abgesichert. 

Doch wenn solchen harmlosen Höhen aus dem Weg gegangen wird, dann stellt sich ein weiteres Phänomen ein, das bei allen Angststörungen zu beobachten ist: Die Ausbreitung der Angst. Waren am Anfang nur der Blick von Türmen bedrohlich, so werden die Anlässe immer geringer:  Blick vom Balkon, aus dem Fenster, von Leitern, Stühlen usw. 

Verstärkungsfaktor Hyperventilation

Ein sehr wesentlicher Verstärkungsfaktor für die Angst stellt die häufig begleitende beschleunigte Atmung dar. Unbewusst wird die Atmung schneller und flacher, was ursprünglich eine Vorbereitung auf Handlung darstellt. Leider führt diese übertriebene Atmung (Hyperventilation) zu einer komplexen Veränderung von Körperreaktionen mit vielfältigen Symptomen: 

  • Schwindel
  • Benommenheit
  • Das Gefühl „neben sich zu stehen“
  • Herzklopfen
  • Engegefühle
  • Druckgefühle im Kopf
  • Missempfindungen in Armen und Beinen.

Zentral ist natürlich die Zunahme des Schwindels. So kann sich ein Teufelskreis von Schwindel, Angst, Hyperventilation, weiteren Körpersymptomen und Zunahme des Schwindels ausbilden. 

Therapie

Keine Medikamente!

Nehmen Sie niemals Medikamente gegen Schwindel! Pflanzliche/naturheilkundliche Präparate wirken, wenn überhaupt, nicht besser als Placebos. Mittel gegen Übelkeit und Schwindel dämpfen zwar die Schwindelempfindung, können Sie aber – etwa im Hochgebirge – in echte Gefahr bringen. Die reale Absturzgefahr erhöht sich nämlich durch die Verlangsamung und die Müdigkeit nach der Einnahme deutlich!

Genauso wenig sollten Sie Präparate gegen Seekrankheit nehmen! Sie verschlechtern die Koordination und können sich ggf. sogar in Gefahr bringen. 

Auch Beruhigungsmittel (Typ „Valium“) nehmen zwar die Angst, wirken sich aber gleichfalls negativ auf das Koordinationsvermögen aus. Das Gleiche gilt für Alkohol.

Manchmal keine Therapie nötig

Viele Menschen benötigen keine Therapie im eigentlichen Sinn. Sie überwinden den Höhenschwindel einfach, indem sie sich immer wieder an hochgelegenen Orten aufhalten und mutig einen Blick in die Tiefe wagen. Dabei werden sie am Ende die Erfahrung machen: Alles halb so schlimm! Nach einer Weile lässt dann das hohle Gefühl in der Magengrube nach. 

Wenn die Angst aber sehr ausgeprägt ist, dann sind andere Behandlungsstrategien notwendig. 

Wesentlich ist zu Beginn eine Analyse, welche Symptomatik bzw. Körperorganisation vorhanden ist. Nicht selten finden sich weitere funktionelle Beschwerden (Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit, Reizdarmbeschwerden, Atemstörungen  usw.), die an anderer Stelle ausführlich beschrieben sind. Liegt eine relevante Beeinträchtigung vor, dann sollte diese entsprechend behandelt werden. 

Bei der eigentlichen Therapie der Höhenangst kommen dann die beiden Hauptprinzipien zur Anwendung: 

  • Beruhigung/Entspannung
  • Ermutigung/Konfrontation

Höhenschwindel und Körperhaltung

Der Höhenschwindel ist abhängig von der Zeit der Exposition (d. h. von der Zeit, die jemand der betreffenden Situation ausgesetzt war) und der Körperhaltung. Ein scheuer Blick in den Abgrund schadet selten, denn die problematischen Ausgleichsschwankungen setzen erst nach einigen Sekunden ein.

Gleichzeitig ist der Schwindel stark abhängig von der Körperhaltung und damit von der Möglichkeit zu schwanken. Am stärksten ist er, wenn Sie frei und aufrecht stehen. Schon ein wenig besser wird es, wenn Sie einen Halt haben, etwa einen Stock oder ein Geländer. Noch günstiger ist eine sitzende Position, bei- spielsweise auf einem Stuhl, Baumstumpf oder Stein. Dabei können Sie Ihren Kopf noch zusätzlich auf den Stock stützen.

Lässt der Schwindel immer noch nicht nach, empfiehlt es sich, auf die Knie zu gehen. Den ganz hartnäckigen Höhenschwindlern bleibt jetzt nur noch, sich flach auf den Bauch zu legen und solcherart geschützt über die Kante zu spähen. Dabei ist ein Höhenschwindel dank der ultrastabilen Lage quasi ausgeschlossen.

Beruhigung

Bei der Beruhigung/Entspannung werden häufig Entspannungstechniken eingesetzt. Das ist sicherlich sinnvoll, reicht aber nach unserer Erfahrung oft nicht aus. Wirksamer sind oft auch zusätzliche körpernahe Anwendungen wie Wärme, Massagen in verschiedenen Formen, Physiotherapie, Bewegung und ähnliches. Medikamente sind so nur selten (oder nur kurzfristig) nötig. 

Konfrontation

Die nächste Stufe ist die schrittweise Ermutigung zur Konfrontation mit der Höhe bei gleichzeitiger Beruhigung. Besonders hilfreich ist die Begleitung durch einen Therapeuten, der z.B. körperlichen Halt gibt oder sanft die Hand massiert, während ein erster Blick riskiert wird. Später kommen dann etwas schwierigere Situationen zunächst in Begleitung und schließlich auch alleine hinzu. 

Bei der Wahl der Therapieschritte muss ständig auf zwei Extreme geachtet werden: Sind die Anforderungen zu gering, machen die Übungen wenig Angst, allerdings stellen sich auch kaum Fortschritte ein. Sind die Anforderungen zu hoch, kann Panik entstehen und die Symptomatik wird schlechter.

Multimodale Therapie

Besonders wirksam ist die Therapie, wenn auf möglichst vielfältige Weise Sicherheit, Beruhigung und Mut vermittelt wird. Je häufiger die Erfahrung gemacht wird, dass die Höhe in Wirklichkeit nicht bedrohlich ist, desto zügiger sind die Therapiefortschritte. 

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