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Was hilft nun tatsächlich – jenseits von Cremes und Tabletten?

Aus unserer Sicht geht es darum, den Sensitivierungsprozess wieder rückgängig zu machen. Dabei – das zeigen die Forschungsergebnisse auch aus anderen Gebieten – spielt eine Überempfindlichkeit der Reizverarbeitung des kompletten Nervensystems eine Rolle:

  • Erhöhte Sensibilität Rezeptoren der Schleimhaut
  • Leichte Entzündungsaktivität der Schleimhaut
  • Vermehrte Weiterleitung im Rückenmark
  • Verstärkte Weiterleitung im Stammhirn
  • Erhöhte Aufmerksamkeit im somatosensorischen Kortex (dort werden die Reize wahrgenommen)

Dazu kommen Angst und Anspannung, Schlafstörungen und weitere funktionelle Beschwerden. Besonders ungünstig wirken sich Reizdarm- und Reizblasenbeschwerden oder Schwellungen (Ödeme) im Bereich des Beckenbodens aus, da so die regionalen Nerven des Beckens zusätzlich irritiert werden. 


Verstärkte Reizleitung


Falscher Alarm

Wesentlich für die Therapie ist die Tatsache, dass es nicht möglich ist, bewusst zu beschließen, diese Beschwerden zu ignorieren. Zwar ist es typisch, dass in Phasen der Ablenkung oder während akutem Stress die Beschwerden nachlassen. Doch danach kehren (meist stärker) zurück.

Wenn die Symptomatik seit längerer Zeit besteht, dann erwartet der Körper aus dieser Region nichts Gutes und achtet peinlich genau auf jedes Signal, das aus dem Gebiet des Beckenbodens kommt. Es wird mir Vorfahrt zum Bewusstsein transportiert.

Das ist grundsätzlich nicht schlecht gemeint, da der Körper – irrigerweise – davon ausgeht: Hier droht Gefahr!


Teufelskreis: Schonung

Die meisten betroffenen Frauen finden im Laufe der Zeit heraus, dass vor allem ein Weg sie von den hartnäckigen Beschwerden schützt: Schonung und Vermeidung von Reizen. Wenn keine – oder möglichst wenige -  Reize vorhanden sind, dann kann auch nur wenig im Gehirn ankommen.

Doch so verständlich und sinnhaft dieses Vorgehen auf den ersten Blick aussieht. Es hat eine fatale Konsequenz: Die Reizschwelle geht damit weiter nach unten, die Sensibilität nimmt zu. Je mehr Reize gemieden werden, desto empfindlicher wird die Region. Dieser Prozess wird manchmal auch als „Schmerzgedächtnis“ bezeichnet. 


De-Sensibilisierung

Doch wie kann ein Ausweg aussehen, wenn jeder kleinste Reiz Beschwerden auslöst und durch Meidung von Reizen die Symptome langfristig sogar schlechter werden?

Wir haben lange gebraucht, eine sinnvolle Antwort zu finden. Sie lautet:  Dass Nervensystem muss erfahren, dass Signale nicht bedrohlich sind und die erhöhte Aufmerksamkeit daher nicht notwendig ist.

Wenn Reize aus dem Bereich der Vulva wiederholt mit dem Gefühl der Entspannung und Sicherheit gekoppelt werden, geht das Nervensystem langsam aus dem permanenten Alarmzustand heraus. Je häufiger Signale als nicht bedrohlich oder sogar als angenehm eingeschätzt werden, desto eher werden sie wieder ausgeblendet. Die Reizschwelle steigt an. 


Praktische Durchführung in mehreren Schritten

Diese grundsätzlichen Überlegungen gelten für viele regionale Schmerzsyndrome. Und auch bei generalisierten Schmerzen (wie Fibromyalgie) sind diese Prozesse entscheidend.

Bei Vulvodynie verbietet sich aus nahe liegenden Gründen eine direkte Berührung durch die Therapeutin. Oft ist das Gebiet auch so sensibel, dass kleinste Reize bereits Brennen/Schmerzen auslösen.

Wie versuchen daher auf „Umwegen“ ans Ziel zu gelangen. Die erhöhte Sensibilität ist in den meisten Fällen ja nicht nur im Bereich der Vulva vorhanden. Sie lässt sich in der Regel auch in anderen Körperregionen, im Bereich des Magen-Darm-Traktes, in der Wärme-Kälte-Wahrnehmung oder in anderer Form feststellen.

Wir beginnen daher erst einmal den Körper zu behandeln. Durch sanfte Massagen des Rückens oder Nackens, durch Wärme, Entspannungsverfahren, Atemtherapie, Schlafhygiene, Ernährungsumstellung und anderen Verfahren, die fast in die Kategorie „Wellness“ fallen, wird die allgemeine Anspannung und Reizüberempfindlichkeit gesenkt.

In einem zweiten Schritt kommen auch abhärtende Verfahren zum Einsatz. Der Körper soll erfahren, dass auch kräftigere Reize keineswegs bedrohlich sind.

Schließlich werden indirekte Reize im Bereich des Beckenbodens gesetzt: Vibrationsreize auf der Vibrationsplatte, Beckenbodengymnastik und ähnliche Verfahren sagen den dortigen Nerven: „Hier sind zwar Reize, aber sie sind nicht gefährlich!“

Dabei kommt es nicht unbedingt auf die Länge der Therapie an sondern die Anzahl der Wiederholungen. Das Nervensystem muss immer wieder erfahren: „Diese Reize sind nicht bedrohlich!“

Je umfassender diese Erfahrung ist, desto wirksamer die Therapie. Wenn als die Druck- und Berührungssensoren, die Wärme- und Kältesensoren, die Muskelnerven, die Nerven des Magen-Darm-Traktes und der Blase alle die gleiche positive Erfahrung machen, dann stellt sich im Körper ein neuer Zustand ein: Die Reizschwelle geht nach oben. 


Kurz aber intensiv

Wir behandeln in der Regel kurz aber sehr intensiv. Das bedeutet, dass wir über zwei Wochen eine Fülle von Anwendungen durchführen. Anfangs kann das anstrengend sein auch wenn die Einzelanwendungen sehr angenehm sind. Der Hintergrund: tägliche Therapien über zwei Wochen haben sich als deutlich wirksamer erwiesen als eine Therapiesitzung pro Woche über 3 Monate.

Dazu kommen Maßnahmen zur Verbesserung des Schlafes, des Magen-Darm-Traktes, der Entspannung und Atmung bzw. Anwendungen nach Einzelfall. 

In sehr vielen Fällen lässt so der Schmerz innerhalb kurzer Zeit nach. Wie weit wir in  zwei Wochen kommen hängt natürlich vom Einzelfall ab: Wie ausgeprägt sind die Beschwerden? Welche weiteren Symptome sind noch vorhanden? Wie stark ist die innere Verunsicherung?

Wir vermitteln unseren Patientinnen in dieser Zeit gleichzeitig auch das Rüstzeug, wie sie mit Selbsthilfe weiter verfahren können. Ziel ist die möglichst große Autonomie, d.h. ohne professionelle Hilfe selbst mit den Beschwerden zu recht zu kommen.