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Ursachen

Was beim Tinnitus auf neurophysiologischer Ebene geschieht, ist noch nicht vollständig geklärt. Lange Zeit richtete sich die Hauptaufmerksamkeit auf das Ohr selbst. Man ging von einer örtlichen Schädigung des Ohres aus. In verzweifelten Fällen wurde daher der Hörnerv durchtrennt, um den Patienten so zur ersehnten Ruhe zu verhelfen. Die schwer Betroffenen wollten lieber taub sein, als das unerträgliche Pfeifen weiter zu ertragen.

Doch die Erfolge blieben aus. Das Geräusch hielt trotz Taubheit an. Damit wurde deutlich, dass das Problem nicht im Innenohr, sondern in der folgenden Reizverarbeitung zu suchen ist.


Reizverarbeitung

In neuerer Zeit haben sich die Theorien zur Entstehung des Tinnitus gewandelt. Sie ähneln sehr weitgehend der Erklärung von chronischem Schmerz. Ähnlich wie bei Schmerz wird das Hören erst durch eine Mischung aus Erregung und Hemmung möglich. Impulse gehen vom Ohr in Richtung Gehirn. Andere Signale gehen vom Gehirn in Richtung Ohr und sorgen dafür, dass Unwesentliches gehemmt wird.

Der Weg vom akustischen Ereignis bis zur Wahrnehmung verläuft über drei Stufen. Als erstes wird ein Schallereignis im Innenohr in einen elektrischen Strom umgewandelt.

Nun gelangt dieses Signal zu Hirnstamm und Thalamus und wird dort analysiert. Es wird mit abgespeicherten Geräuschen verglichen und einer Art von Mustererkennung unterzogen. Gleichzeitig gehen Fasern zum limbischen System und der Amygdala (Mandelkern), die eine emotionale Einfärbung bewirken. Diese emotionale Bedeutung ist sehr wesentlich für die Wahrnehmung. Unbedeutendes wird ausgeblendet, bedrohliche, gefährliche und unangenehme Signale haben als Warnsignale immer Vorrang. Erst danach erfolgt in einem dritten Schritt die bewusste Wahrnehmung.


Phantomwahrnehmung

Wer also sanft schlummert, dessen Gehör registriert sehr wohl die Geräusche der Straße oder des Wind in den Bäumen. Die Impulse werden aufgenommen und zum Thalamus geleitet. Bei der Analyse kommen die vorgeschalteten Hirnkerne zum Ergebnis, dass die Signale lange bekannt sind, und auch das limbische System zeigt kein gesteigertes emotionales Interesse. Als Ergebnis wird kein Weckreiz an das Bewusstsein geschickt. Der Schlaf wird nicht gestört. Nicht nur nachts wird so die große Mehrheit der Geräusche beständig aktiv ausgeblendet.

Anders bei einem leisen Quietschen, z. B. dem Öffnen der Schlafzimmertür. Auch das wird sofort identifiziert und als bedrohlich interpretiert. Mit einem Ruck ist der Schläfer wach und spürt am Herzklopfen, wie viel Adrenalin bereits ausgeschüttet wurde. Ähnlich schrecken junge Mütter auf, wenn ihr Kind nur leise wimmert.

Tinnitus wird als Fehlwahrnehmung oder auch „Phantomwahrnehmung“ verstanden, ähnlich dem Phantomschmerz. Bei der Entstehung mischen sich Ursachen im Innenohr, Thalamus und Bewusstsein.

Neben lauten Signalen (z. B. nach einer Explosion) ist die emotionale Färbung des Signals von entscheidender Bedeutung. Bedrohliche oder ängstigende Geräusche werden sehr viel intensiver wahrgenommen als wohltuende Musik. Auch die Aufmerksamkeit ist wesentlich. Wer auf den Tinnitus achtet, verstärkt ihn unwillkürlich


Sensitivierung

So kann Tinnitus als ein Teufelskreis verstanden werden. Am Anfang steht häufig eine äußere Ursache, die das vorübergehende Pfeifen oder Brummen auslöst. Durch Angst und Anspannung verstärkt sich dann die Problematik. Je mehr Stress dies für einen Menschen bedeutet, je mehr er darauf achtet, desto ungünstiger ist der Verlauf.

Diese Darstellung ist sicherlich vereinfacht. Doch wird in letzter Zeit deutlich, dass Tinnitus ebenfalls zum Kreis der zentralen Sensitivierungsstörungen gehört, wie Fibromyalgie und andere funktionelle Störungen.