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Benzodiazepine

Benzodiazepine sind immer die zweite Wahl

Obwohl heute eine breite Palette von Schlaftabletten zur Verfügung steht, ist ihre Anwendung an klare Bedingungen geknüpft. Medikamente sollten erst zum Einsatz kommen, wenn

 

• die Diagnose der Schlafstörung abgeschlossen ist,

• mögliche Ursachen nicht anders behoben werden konnten,

• die nicht-medikamentöse Behandlung (Schlafhygiene) nicht ausreichend wirksam war,

• neben der medikamentösen auch andere Maßnahmen stattfinden,

• ein Plan erstellt wurde, wie die Medikamente zu nehmen und wann sie wieder abzusetzen sind.


Nur nach Verordnung

Diese Einschränkungen kommen nicht von ungefähr. Jahrzehntelang wurden Schlafmittel großzügig, aus heutiger Sicht unbedacht, verschrieben. Die Hauptnebenwirkung bestand in Abhängigkeit und – paradoxerweise – Schlafstörungen

 

Generell gilt, dass hochwirksame Schlafmittel vom Beruhigungsmitteltyp (Benzodiazepine) nur in enger Absprache mit einem Arzt eingenommen werden sollten.

 

Wenn der Hausarzt diese verordnet, dann nur für die Dauer von zwei Wochen. Anschließend muss überprüft werden, ob die Schlafstörung weiter besteht. Falls ja, kann ein nochmaliger 14-tägiger Versuch mit Tabletten unternommen werden.

 

Falls auch dann keine Besserung erfolgt ist, sollte ein Arzt mit schlafmedizinischer Erfahrung aufgesucht werden. Nach dreimonatiger erfolgloser Therapie steht eine Untersuchung im Schlaflabor an.


Hervorragende Wirkung

Die meisten Schlafmittel gehören einer Substanzgruppe an, die seit 1961 auf den Markt ist. Ihre Mitglieder werden Benzodiazepine genannt, der chemische Name endet meist auf „-am“. Stellvertretend sei Diazepam (Valium®) genannt. Mittlerweile umfasst die Gruppe zwei Dutzend Medikamente, die sich in der Wirkdauer, nicht aber der Wirkungsart unterscheiden.

 

Alle Benzodiazepine dämpfen einen Rezeptor (Reizempfänger) im Gehirn, der auf einen wichtigen Botenstoff, die Gammaaminobuttersäure (GABA), reagiert. Rund 30% aller Schaltstellen des Gehirns sind für GABA empfindlich. Werden die GABA-Rezeptoren nicht ausreichend gehemmt, dann sind Erregung, Angst, Unruhe und Krämpfe die Folge. Alle Präparate der Valium®-Gruppe führen zu einer vermehrten Hemmung des GABA-Systems und damit zu Entspannung, Schlafförderung, Angstminderung, Lockerung der Muskulatur und zu einer Verminderung der Krampfneigung.

 

Diese Eigenschaften machen die Benzodiazepine (im Medizinjargon manchmal „Benzos“ genannt) zu hervorragenden Schlafmitteln. Sie sind wirksam, sicher und angenehm in der Wirkung. Selbst bei hoher Dosierung kommen Vergiftungen praktisch nicht vor.

 

In den 60er Jahren waren die Ärzte begeistert, endlich über ein solches Schlafmittel zu verfügen.

 

Der Enthusiasmus war verständlich. Zuvor war man auf die schlecht verträglichen und gefährlichen Barbiturate angewiesen, bei denen die Patienten zwar wie ein Stein schliefen, jedoch morgens mit einem üblen „hang-over“ erwachten.

Benzodiazepine wirken anders. Zwar vermindern sie die Tiefschlafphase (S4), aber man fühlt sich dennoch morgens frisch und ausgeschlafen.

 


Vorsicht: Gewöhnung und Abhängigkeit

Hauptproblem ist die schnelle Gewöhnung und Abhängigkeit

Das Hauptproblem dieser Gruppe ist die schnelle Gewöhnung. Bereits bei einer Einnahme in geringer Menge kommt es nach kurzer Zeit zur Gewöhnung.

 

Wahrscheinlich lässt ihre Wirkung an den GABA-Rezeptoren nach, da sich die Anzahl der Rezeptoren vermindert. Daher ist die Einnahme über längere Zeit unsinnig. Unterbricht man das abendliche Tablettenschlucken, stellt sich jedoch Unruhe und Schlaflosigkeit (Rebound-Phänomen) ein. Eine einzige Tablette hebt die Unruhe völlig auf. Wer nun regelmäßig zu Tabletten greift, um die Entzugssymptome zu bekämpfen, dem droht Abhängigkeit, da er nun ohne die Schlafmittel gar nicht schlafen kann. Rund eine Million oft älterer Menschen sind davon betroffen.

 

Sollte man diese Tabletten komplett meiden? Nein, ihre kurzfristige Einnahme ist durchaus gerechtfertigt. Wenn sich jemand in einer akuten Anspannungssituation, vor einer Prüfung oder in einem schweren Konflikt befindet, dann sind diese Präparate die ideale Wahl. Sie wirken zuverlässig und sicher.

 

Manchmal hilft es auch, solche Mittel nur im Haus zu haben. Selbst wenn man sie gar nicht einnimmt, geben sie Sicherheit, da man sich im Notfall helfen könnte.

 

In seltenen Fällen kann auch eine Einnahme über einen längeren Zeitraum notwendig werden. Dann kann man zum Beispiel an den zwei oder drei „schlimmsten“ Tagen der Woche ein Präparat nehmen. An vier bzw. fünf Tagen verzichtet man jedoch bewusst darauf.


Unterschiedliche Wirkdauer

Wie erwähnt unterscheiden sich alle Präparate nur in der Dauer der Wirkung. Zur Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen haben sich vor allem mittellang- bis kurzwirksame Präparate erwiesen (z.B. Temazepam – Handelsname z.B. Remestan®, Oxacepam – Handelsnamen z.B. Adumbran®, Lormetazepam – Handelsname z.B. Noctamid®).

 

Ultrakurz wirksame Substanzen können noch in der gleichen Nacht zu Entzugssymptomen führen und sind daher wenig geeignet. Nimmt man dagegen regelmäßig ein langwirksames Benzodiazepin, dann droht eine unbemerkte Dosissteigerung. Der Wirkstoff ist noch von den vergangenen Nächten im Blut und selbst, wenn man nur eine Tablette jede Nacht einnimmt, erhöht sich die Blutkonzentration Schritt für Schritt.

 

So kann eine Hochdosis-Abhängigkeit entstehen, die für den Betroffenen völlig überraschend kommt und sich in entsprechend schweren Entzugssymptomen beim Absetzen widerspiegelt.