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Ursachen und Entstehung

Obwohl das Lipödem Millionen von Frauen betrifft und besonders im Stadium II und III zu schwerwiegenden Konsequenzen führt, ist über die Ursache nur wenig bekannt. Doch das Wenige, das Forscher mittlerweile gefunden haben, gibt wichtige Hinweise für die Therapie. Um diese Zusammenhänge leichter zu verstehen, empfiehlt sich daher die Lektüre der Grundlagen.

 

Entscheiden für Ausbildung eines Lipödems sind Veränderung in der Mikrozirkulation, also der Durchblutung in den kleinsten Blutgefäßen, vor allem der Kapillaren. Diese sind für Wasser komplett durchlässig, halten jedoch Zellen und Eiweiß zurück.

Auf Grund unbekannter Faktoren werden die Kapillaren undichter und brüchiger. Diese erhöhte Verletzlichkeit ist auch die Ursache für die vielen Blutungen („blauen Flecke“), unter denen die Betroffenen leiden.


Hauptproblem: Eiweiß

Die zweite Auswirkung der Gefäßveränderung ist noch wichtiger. Die Kapillaren lassen auch vermehrt Eiweiße austreten. Eiweiß, das ist sicher, bindet in hohem Maße Wasser. So entsteht im Bindegewebe ein eiweißreiches Ödem.

 

Alles Eiweiß, das aus den Kapillaren ausgetreten ist, und das vom ihm gebundene Wasser kann ausschließlich über das Lymphsystem abtransportiert werden. Eine ganze Weile geht das gut, weil das Lymphgefäßsystem über eine gewisse Reservekapazität verfügt. Wenn mehr Lymphflüssigkeit anfällt, kann es auch mehr transportieren.

 

Irgendwann ist diese Fähigkeit überschritten. Es entsteht nun eine sichtbare Schwellung, ein Ödem. Wenn wir viel stehen oder sitzen, treten diese Ödeme besonders an den Beinen auf.

 

In der Flüssigkeit, die aus der Kapillare strömt, befindet sich auch Fett, meist in Form von Triglyceriden. Sie versorgen die Zellen mit wertvoller Energie. Je mehr Eiweiß und damit Wasser im Gewebe, desto mehr Fett wird in der Unterhaut eingelagert und dann nur sehr schwer wieder abgebaut. Der Weg in die Unterhaut-Fettdepots wird zur Einbahnstraße. Rein geht es leicht, raus nur äußerst schwer.

Die Folge: In der Unterhaut sammelt sich eine brisante Eiweiß-Wasser-Fett-Mischung. Je dicker sie wird, desto schlechter werden Lymphtransport und Fettabbau. Und je schlechter diese Substanzen abgebaut werden, desto mehr davon sammelt sich an - ein Teufelskreis!

 


Venenprobleme

Wenn die Beine nun an Umfang zunehmen, kommt ein weiterer Faktor ins Spiel. Die Haut verliert einen Teil ihrer Elastizität und wird dehnbarer. Auch dies wirkt sich ungünstig auf den Lymphfluss und das Lipödem aus.

 

Wenn wir lange Zeit auf einer Stelle stehen, z.B. beim Schlangestehen an der Kasse, dann sammelt sich das Blut in den Beinvenen. Der Druck in den Venen nimmt erheblich zu. Gehen wir jedoch einige Schritte oder wippen nur ein wenig auf den Zehen, reduziert sich dieser erheblich. Diesen Entlastungseffekt verdanken wir dem Zusammenspiel von Muskeln und dem Venenklappensystem. Die Venen werden nämlich von den Muskeln zusammengedrückt. Da sie über ähnliche Klappen wie das Lymphsystem verfügen, wird durch die Muskelbewegung sehr viel Blut aus den Venen zum Herzen zurückgepumpt.

 

Die Voraussetzung für die funktionierende Muskelpumpe ist der elastische Druck der Haut auf Venen und Muskulatur. Die Haut wirkt wie ein natürlicher Kompressionsstrumpf. Ohne diese Kompression würde das Venenblut den Weg des geringsten Widerstandes wählen und in die dehnbare Unterhaut entweichen. Es kommt zu Schmerzen und Schwellungen.

 

Die überdehnte Haut beim Lipödem hat genau diese Konsequenz. Sie wirkt nicht mehr wie ein kräftiger Kompressionsstrumpf, und die Venen pumpen Flüssigkeit in das Unterhautfettgewebe. Das Ödem reichert sich in den Beinen an und überfordert das Lymphgefäßsystem noch zusätzlich. Viele Betroffene können den Effekt überrascht an sich selbst feststellen: Nach Sport waren früher die Beine schlank, nun nimmt die Schwellung nach der Bewegung sogar noch zu.

 


Veno-arterieller-Reflex

Man kann es kaum glauben, doch auch die Arterien tragen zum Ödem bei. Bei Gesunden gibt es einen wichtigen Schutzreflex, der Ödeme begrenzt. Nimmt der Druck in einer Vene zu, dann geben diese einen „Befehl“ an die Arterie, von der sie versorgt werden. Diese zieht sich dann zusammen und der Blutfluss vermindert sich. Dadurch lässt auch der Druck in der Vene nach.

 

Beim Lipödem ist dieser „veno-arterielle Reflex“defekt. Obwohl die Venen übervoll sind, stellen die Arterien die Blutzufuhr nicht ab. Die Venen laufen quasi über, und dennoch lässt die Arterie immer noch Blut ins Überschwemmungsgebiet. So kommt es auch durch diesen Mechanismus zur Ödemzunahme.


Neurogene Entzündung

Das Lipödem ist eine ausgesprochen schmerzhafte Erkrankung! Merkwürdigerweise führen ausgerechnet die Schmerzen selbst zur Verstärkung des Ödems. Das Phänomen wird als „neurogene Entzündung“ (= nervenvermittelte Entzündung) bezeichnet und ist in der Schmerzforschung gut bekannt. Gemeint ist damit, dass dauerhafte Übererregung von Nerven zu einer Entzündung im Schmerzgebiet führt. Dadurch werden – wie bei jeder Entzündung – Kapillaren durchlässiger, und so kommt es zu weiterer Schwellung und damit weiteren Schmerzen!