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Posturales Tachykardiesyndrom - POTS -Herzrasen beim Aufstehen

Beim Posturalen Tachykardiesyndrom bleibt der Blutdruck beim  Aufstehen völlig konstant, allerdings steigt die Herzfrequenz abrupt um 30 oder mehr Schläge.

Dabei kommt es neben Schwindel, Herzklopfen, Übelkeit Benommenheit auch oft zu Atemnot, Beklemmungsgefühlen und Panikgefühlen oder sogar zu Panikattacken. Sobald sie wieder liegen ist der Spuk vorbei.

 Die Betroffenen sind oft durch die Beschwerden sehr stark beunruhigt, da die Beschwerden oft über Jahre dauern. Nicht selten vermeiden sie das Aufstehen und Liegen viel um das unangenehme Herzrasen zu vermeiden. In der Folge kommt es manchmal zu einem sehr ausgeprägten Leitungsverlust, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Menschenansammlungen werden gemieden, sie ziehen sich zurück. 


Häufigkeit und Begleiterkrankungen

Die Häufigkeit der Erkrankung ist nicht ganz sicher, wahrscheinlich sind einige Promille der Bevölkerung betroffen. In früheren Jahren wurde die Symptomatik auch „irritierbares Herz“ oder „Soldatenherz“ bezeichnet.

Betroffen sind vor allem junge Frauen bzw. Frauen vor den Wechseljahren.

Viele von ihnen leiden auch unter anderen funktionellen Störungen, wie sie auf diesen Seiten beschrieben sind, z.B. Migräne, Reizdarmsymptomatik, Reizblasensymptomatik, Schmerzerkrankungen, Erschöpfungssyndromen, Schlafstörungen, Schwindel, dem Gefühl „wie in Watte gepackt zu sein“ oder Übelkeit. Auf seelischem Gebiet sind Angsterkrankungen und Depressionen gehäuft.

Besonders auffällig ist eine nicht seltene Überlappung mit einem chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS). Schließlich wurde beobachtet, das überstreckbare Gelenke, besonders dehnbares Bindegewebe und das Ehlers-Danlos-Syndrom, bei dieser Gruppe gehäuft vorkommt.


Ursachen und Hingründe

Wie erwähnt regelt der Körper beim Aufstehen den Blutdruck mit drei Mechanismen:

Venöser und arterieller Gefäßverengung sowie Erhöhung der Herzfrequenz. Beim POTS fallen die ersten beiden aus und der Blutdruck muss lediglich über die erhöhte Herzfrequenz aufrecht gehalten werden, die dann logischerweise besonders drastisch ansteigen muss.

Die Ursache für den Ausfall der Gefäßreaktion und das „Versacken“ des Blutes ist in der Gesamtheit nicht ausreichend geklärt. Es liegen jedoch zahlreiche Einzelbefund vor. 


Sympathikus/Parasympathikus-Regulation

Bei einem der Teil der POTS-Patienten ist der Sympathikus zu wenig aktiv bzw. der Parasympathikus zu stark. So würde sich erklären, warum sich die Gefäße nicht ausreichend zusammen ziehen.

Allerdings wird diese Erkenntnis eingeschränkt: Einige Betroffene haben auch eine erhöhte Sympathikusaktivität, die möglicherweise reaktiv zu erklären ist. Hier finden sich dann auch andere Zeichen der Sympathikus-Aktivität: Schwitzen, Herzklopfen, innere Unruhe. 


Erhöhte Kapillardurchlässigkeit

Bereits im Ruhezustand findet sich bei den POTS-Patienten ein erhöhter Venendruck. Da sich die Arterien im Stehen auch nicht zusammenziehen, entsteht so ein sehr hoher Druck in den Kapillaren der Beine. Mehr Flüssigkeit drückt sich aus den feinen Haargefäßen in das Bindegewebe. Der Volumenmangel im Blut nimmt zu, der Rückstrom zum Herzen nimmt ab und dieses muss als Ausgleich den Puls beschleunigen.

Auch bei Gesunden verschiebt sich Flüssigkeit aus den Kapillaren in das Bindegewebe. Nach einigen Minuten ist dieser Prozess jedoch beendet. Bei POTS geht er jedoch weiter und beträgt  das Doppelte der normalen Flüssigkeitsverschiebung.

Weiches, dehnbares Bindegewebe wäre hier ein weiterer begünstigender Faktor für den Flüssigkeitsverlust ins Bindegewebe. Dieses findet sich bei Frauen, besonders weiblichen Frauen naturgemäß häufiger (siehe Lipödem).

Möglicherweise würde dies auch erklären, dass bei POTS das zirkulierende Blutvolumen reduziert ist. 


Reduziertes Blutvolumen

Bei POTS findet sich ein um etwa einen Liter (!) reduziertes Blutvolumen. Wahrscheinlich stehen die Kapillardurchlässigkeit hiermit in Zusammenhang. Durch das Aufstehen wird möglicherweise ein kritischer Punkt überschritten, bei dem einfach zu wenig Blut zirkuliert. 


Durchblutungsstörungen

Auch andere Durchblutungsstörungen finden sich bei POTS gehäuft.

  • Raynaud-Syndrom, bei dem die Finger und Zehen sich schneeweiß verfärben.
  • Akrozynose, bei der es zu einer bläulichen und kühlen Haut kommt. 
  • Livedo reticularis, eine netzartige Verfärbung der Haut.  

Teufelskreis: Beschleunigte Atmung, Hirndurchblutung und Schwindel

Bei einem Teil der Patienten wird durch das Herzrasen ein Beklemmungsgefühl mit Atemnot ausgelöst. Die Atemfrequenz nimmt zu und dadurch wird zu viel Kohlendioxid abgegeben. Leider nimmt bei fallendem Kohlendioxid-Spiegel im Blut die Gehirndurchblutung ab. Dies wiederum verstärkt Beschwerden, die auf eine mangelnde Durchblutung des Zentralnervensystems zurückgeführt werden können: Sehstörungen, Hörstörungen, Benommenheit, Schwindel, Konzentrationsstörungen usw.

So entwickelt sich schnell ein Teufelskreis aus Herzklopfen, Atembeschleunigung, Durchblutungsstörungen und Angst.

Dieses Herzrasen darf allerdings nicht in jedem Fall mit einer Angstreaktion verwechselt werden. Natürlich führt Herzrasen zu einer inneren Beunruhigung und kann auch starke Angst hervorrufen, wenn unklar ist, wie sich der schnelle Puls erklärt. Aber im Kern ist es ein Kompensationsversuch. Sobald der Betreffende wieder liegt, beruhigt sich bei vielen Patienten der Puls unmittelbar. 


Inaktivität und Schonung

Wer beim Aufstehen stets Beschwerden bekommt der zieht es häufig vor viel zu sitzen oder zu liegen. Dadurch kommt es jedoch zum Abbau von Muskeln, das Gefäßspiel wird nicht mehr trainiert und in der Folge wird allein dadurch die Symptomatik weiter verstärkt.

 

Es gibt sogar Untersuchungen, bei denen durch die lange Inaktivität ein reduziertes Herzvolumen gefunden wurde. Dies wäre eine weitere Erklärung für die erhöhte Herzfrequenz .


Immunsystem

Auslösend für ein POTS kann neben seelischen/sozialen Belastungen auch ein Virusinfekt sein. Ebenso ist bekannt, dass eine erhöhte Aktivität von Mastzellen mit einer Freigabe von Histamin bei einigen Patienten vorkommt. 


Erhöhte Sensibilität des Barozeptors

Der Mensch verfügt über Sensoren, die den Druck im Blutkreislauf bestimmen können (Bartrezeptoren oder Barozeptoren). Sie liegen besonders in der Halsschlagader (Carotin) und der Hauptschlagader (Aorta). Es gibt Untersuchungen die ein normales Ansprechverhalten der Barozeptoren im Liegen aber eine besonders sensible Reaktion im Stehen gefunden haben. 


Zusammenfassung der Ursachen

Noch ist die Ursache des POTS nicht vollständig geklärt. Wie bei den meisten funktionellen Störungen sind Frauen weitaus häufiger (ca. 80%) betroffen als Männer. Es scheinen wiederum die sensiblen, eher etwas ängstlicheren jüngeren Frauen zu sein, die unter der Symptomatik häufiger zu leiden haben. Möglicherweise sind sehr weibliche Frauen mit weichem, dehnbaren Bindegewebe, die auch sonst zu Ödemen (Wassereinlagerungen) neigen, häufiger betroffen.

Angst und Hyperventilation scheinen wesentliche Faktoren zu sein, die zu einer Chronifizierung führen. 

Gerade bei langer Dauer, dürften der Verlust von Fitness, die Schonung und der allgemeine Rückzug in vielfältiger Weise zu einer weiteren Verschlechterung beitragen. 


Spekulative Erklärungen: Schutzreflexe

Wenn sich keine wirklichen „Defekte“ finden, dann ist möglicherweise die folgende Überlegungen beachtenswert:  Funktionelle Störungen sind in aller Regel gut zu verstehen, wenn sie als gesteigerte Schutzreflexen verstanden werden. Doch welche Schutzreflexe können im Bereich des Kreislaufes eine Rolle spielen? Möglicherweise beruhen sie auf der Aktivierung von zwei Basisreflexen, die vielleicht in einigen Fällen nur teilweise ablaufen. 

 

Schutz der Hirndurchblutung: Zentral für unsere Sicherheit ist die ausreichende Durchblutung des Gehirns. Nur so sind wir jederzeit wach und in der Lage uns zu verteidigen. Das Gehirn toleriert Mangeldurchblutung nur für Sekunden. Wenn der Kreislauf nicht mehr  in der Lage ist, ausreichend Blut im Stehen zum Gehirn zu transportieren, dann ist es sinnvoll, unmittelbar (!) aus der aufrechten in eine liegende Position zu kommen. Nur so wird eine Schädigung der empfindlichen Nervenzellen vermieden. Die Ohnmacht stellt den denkbar schnellsten Weg dar, um die Durchblutungsverhältnisse zu verbessern.

 

Der Schutz vor dem Verbluten. Verliert der Körper Blut dann ist es sinnvoll in erster Linie Blutdruck und Puls zu stabilisieren, um die Hirndurchblutung und Handlungsfähigkeit zu erhalten. Bei einer großen Verletzung mit hohem Blutverlust kann ein „guter“ Blutdruck jedoch durchaus Nachteile haben. In diesem Fall wird zwar das Gehirn ausreichend durchblutet, jedoch gleichzeitig der Blutverlust durch die Wunde verstärkt. Diese „Lösung“ verstärkt als mit dem Blutverlust die Gefahr vollständig zu verbluten. Eine mangelnde Gefäßverengung könnte hier als Schutz verstanden werden, um möglichst viel Blut innerhalb des Körpers, konkret der Venen, zu halten, in denen sich auch im Normalzustand die Masse der Blutvorräte befinden (>80%).

Am deutlichsten werden die Ursprünge dieses Reflexes bei Menschen, die beim Anblick vom Blut in Ohnmacht fallen. Sie deuten das wahrgenommene Blut als eigenes Blut und schützen sich durch das abrupte Absenken des Blutdruckes vor dem befürchteten Verbluten.