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Wohl und Weh des Wohlgeruchs

Während der größte Teil der Menschen sich an dem Geruch von gutem Essen, Blumen oder Parfum erfreuen kann, sind intensive Düfte für andere eine Qual. Sie lösen Benommenheit, Kopfschmerzen, Schwindel, Engegefühl, Angst und andere funktionelle Störungen aus.

Diese Menschen leiden an einer Hyperosmie, einer erhöhten Sensibilität gegenüber Gerüchen, die ähnlich beeinträchtigend ist wie Lärm- oder Lichtempfindlichkeit. Nicht selten führt dies zur einer Vermeidung von intensiven Gerüchen. Da Gerüche und Düfte praktisch allgegenwärtig sind, führt dies manchmal zu einem starken sozialen Rückzug und erheblichem Leiden. 

Siehe auch Fallbeispiel. 


Nicht nur in Zunge und Nase

Geruch und Geschmack werden Sie wahrscheinlich mit Nase und Zunge verbinden und tatsächlich sitzen dort besonders viele der Chemorezeptoren.

Doch in den letzten Jahren wurde entdeckt, dass die sensiblen Nerven auch in völlig anderen Organen vorhanden sind, die wir mit Geruch assoziieren würden. Vielleicht ist es noch naheliegend, dass auch der Magen und der Darm Geruchs- und Geschmacksrezeptoren aufweisen. Schließlich sollte auch unter Verdauungstrakt perfekt über die Nahrungsaufnahme informiert sein.

Doch solche Rezeptoren gibt es auch in den Atemwegen, im Gehirn, im Blut und sogar in der Muskulatur. Selbst in den Spermien finden sich die bewussten Zellen.

Was das für Krankheiten bedeutet ist noch völlig unklar. Wir sehen jedoch sehr häufig, dass bei einer erhöhten Geruchsempfindlichkeit auch andere Formen der Sensibilisierung vorhanden sind. Viele Betroffene klagen über Magen-Darm-Beschwerden, Migräne, asthmatische Beschwerden, Muskelschmerzen und Zeichen einer erhöhten Empfindlichkeit auf Kohlendioxid.

Siehe auch die Filme über


Fallgeschichte 1

Hannah, eine 45jährige schlanke und attraktive Frau suche ich im Wartezimmer vergebens. Sie steht vor der Praxis im Treppenhaus und wartet dort auf ihren Termin. Sie leide unter einer extremen Geruchsempfindlichkeit. Das Parfüm von verschiedenen Patientinnen im Wartezimmer und das Haarwasser eines Mannes könne sie einfach nicht ertragen. Diese Vielzahl von Gerüchen würden ihr Übelkeit und Kopfschmerzen bereiten.

Ihre super-feine Nase bereite ihr im Alltag ungeheure Probleme. Zum Beispiel könne sie nachts kaum noch schlafen. Sie rieche den Parfümgeruch aus der Wohnung unterhalb ihres Schlafzimmerfensters, wenn sie dieses öffne. Sie gehe auch immer weniger aus dem Haus, Essengerüche seien ihr widerlich, sie habe Probleme im Büro und habe sich allgemein sehr zurückgezogen.

Doch darüber hinaus fühle sie sich allgemein überempfindlich, leide unter Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit und wechselnden Muskel- und Gelenkschmerzen.

Hannah gehört zu der Gruppe von Menschen, die unter einer gesteigerten Empfindlichkeit des Geruchs leiden, einem Beschwerdebild, das oft als MCS (=multiple chemische Sensibilität) bezeichnet wird. 


Fallgeschichte 2

Frank fuhr mit seinen Kindern mit dem Auto zum Einkaufen. Auf dem Rückweg war das Auto erfüllt mit dem Duft von frischen Brötchen. Alle Fenster waren geschlossen. Doch statt den Geruch als angenehm zu empfinden, löste er ein eigenartiges Beklemmungsgefühl aus. Frank wurde eng, er begann zu schwitzen, das Herz schlug schneller und er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Schnell öffnete er alle Fenster und die Panik lies etwas nach. Es blieb eine Beunruhigung: Was war mit den Brötchen los, dass sie eine solche Reaktion auslösen konnten?

In den folgenden Tagen stellte er eine merkwürdige Veränderung fest: Seine Nase war viel empfindlicher geworden. Seine Frau schien viel zu viel Parfum genommen zu haben. Er konnte sie einfach „nicht mehr riechen“, was sie als kränkend empfand. Doch auch andere Menschen schienen unerträglich nach Deo zu riechen. Das war ihm noch nie vorher aufgefallen.

Doch dabei blieb es nicht. Auch andere Gerüche wirkten plötzlich viel intensiver zu sein. Eine Autowerkstatt musste überhastet verlassen, da er den Ölgeruch einfach nicht ertragen konnte. Noch Stunden später hatte er den Eindruck, seine Schuhe und Kleidung würden unerträglich stinken.

Später weitete sich seine hohe Sensibilität auch auf Nahrungsmittel aus. Alles roch viel zu intensiv. Wenn er nur den Kühlschrank öffnete, wurde ihm übel. Das Essen schmeckte nicht mehr. Frank nahm innerhalb von kurzer Zeit fast 10 kg Gewicht ab, obwohl er sich beim Essen die Nase zuhielt.

Im Krankenhaus wurden Blutuntersuchungen sowie eine Magen- und Darmspiegelung durchgeführt: Alles bestens, kerngesund! Doch die Beschwerden ließen nicht nach. Auch im Krankenhaus verzweifelte er fast an den unterschiedlichen Ausdünstungen. Vor allem die Putz- und Desinfektionsmittel waren für ihn eine Qual.

Frank kam fast notfallmäßig zur Behandlung. Doch auch wir konnten nichts Auffälliges finden. Alle Werte waren normal. Allerdings mit einer Ausnahme: Frank atmete viel zu schnell. Der Wert des Kohlendioxids im Blut war deutlich zu niedrig.

Unsere Überlegung: In der Auslösesituation waren offenbar zwei Dinge zusammen gekommen. Wenn mehrere Menschen im Auto sind, können hohe Konzentrationen von CO2 entstehen, was Panikgefühle auslösen kann. Der Geruch der Brötchen war nur zufällig hinzugekommen. Doch diese Kombination (Geruch – Gefahr) bewirkte eine klassische Konditionierung: Dieser Geruch wurde mit Gefahr verbunden und innerhalb kürzester Zeit generalisierte dann die Reizempfindlichkeit auch auf andere Gerüche.

Unsere Therapie bestand daher vor allem in einer Normalisierung der Atmung und einer langsamen Konfrontation mit stärkeren Düften. Das Ergebnis war eindeutig. Innerhalb weniger Tage konnte Frank seinen Atem wieder normalisieren und im gleichen Maß verminderte sich die abnorme Empfindlichkeit. Frank konnte wieder essen, nahm an Gewicht zu, es war ihm möglich in Geschäfte zu gehen, nur bei Bäckereien, da war er noch etwas vorsichtig. 

Hier der Film zur Fallgeschichte


Persönlichster Sinn

Das Riechen ist von allen Sinnen vielleicht derjenige, der uns am wenigsten bewusst ist. Sehen und Hören scheint in der multimedialen Welt eindeutig vor allen anderen Sinnen zu stehen.

Doch das Riechen ist gleichzeitig unser persönlichster Sinn.  Keine andere Sinnesqualität, nicht einmal die Berührung, kann uns so direkt innerlich bewegen. Ein Mensch, der uns „stinkt“, kann noch so liebenswert sein, wir können uns unmöglich mit ihm näher einlassen.

Gerade in unseren intimsten Bedürfnissen spielt der Geruch eine große Rolle. So gibt es starke Hinweise darauf, dass die Partnerwahl von unserem Geruchssinn entscheidend mitbestimmt wird. Wie bekannt, dürfen unsere Gene und die unseres Partners nicht zu ähnlich sein, damit wir gesunde Nachkommen haben (Problem der Inzucht).  Nun können wir das genetische Potential eines anderen Menschen nicht sehen. Wir können es aber möglicherweise riechen. Menschen, die sich in bestimmten Genen (sog. MHC-Gene) deutlich unterscheiden, riechen für uns besonders angenehm.