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Schmerz und Angst

Im Verlauf einer FMS-Erkrankung beobachten viele Patienten eine erhöhte Sensibilität auch in anderen Sinnesqualitäten. Meist beginnt dies mit erhöhter Geräusch- und Lichtempfindlichkeit.  Der Ehepartner scheint die Türen lauter zu schließen, es wird unangenehmer, wenn sich mehrere Personen gleichzeitig unterhalten und besonders schwierig wird es, wenn man sich auf einer Party unterhalten möchte, während gleichzeitig laute Musik spielt.

Auch eine erhöhte Berührungs- und Druckempfindlichkeit ist sehr verbreitet. „Fass´ mich bitte nicht so fest an“, ist ein Ausspruch, den viele Ehepartner zur Genüge kennen. Bei einer kleinen Gruppe von schwer Betroffenen kann dies sehr viel  weiter gehen. Bereits ein sanfter Druck des Partners mit den Händen, kann schon zu einem heftigen Zusammenzucken führen. Eine Reaktion, die oft zu Unverständnis führt. („Was hast Du jetzt schon wieder?“)

 


Nicht nur Schmerzen

Auch dagegen kann man überempfindlich werden

Ein Teil der Betroffenen leidet  unter einer besonderen Geruchsempfindlichkeit. Diese richtet sich vor allem auf starke Reize wie Parfum, Reinigungsmittel, Essensgerüche, Ausdünstungen anderer Menschen, Brandgerüche usw. Neben dem unangenehmen Gefühl verbindet sich damit oft Übelkeit, Schwindel, Engegefühl in der Brust, Angst und das Bedürfnis davonzulaufen. Dieser Teil der Sensibilität ist besonders problematisch, da er den Kontakt zu anderen Menschen erschwert. Viele Betroffene ziehen sich zurück, wagen sich nicht mehr in die Öffentlichkeit, verlassen die Wohnung nur noch, um das Notwendigste zu erledigen.

Seltener ist die Geschmacksempfindlichkeit, die sich vor allem auf das Essen bezieht und mit Übelkeit oder Missempfindungen der Zunge verbunden ist

 


Sinnesorgane - Warnorgane

Scharfe Sinne können von Vorteil sein

Wie erklärt sich nun diese allgemeine Hypersensibilität? Um dies zu verstehen, ist es hilfreich, sich die Funktion unserer Sinnesorgane zu verdeutlichen. Unsere Nase wurde nicht vorwiegend „konstruiert“, damit wir uns am Rosenduft erfreuen können.

Viel wichtiger ist ihre Warnfunktion, die uns den Brandgeruch oder den scharfen Geruch des Tigers übermittelt. Dementsprechend erlangt sie ihre optimale Leistung, wenn wir uns bedroht fühlen.  Wir riechen erheblich besser, wenn wir uns in gefährlichen Situationen befinden oder dies auch nur vermuten.

Ähnliches gilt für die anderen Sinnesorgane. Angst und Bedrohung schärfen unsere Wahrnehmung. Der Grund ist nicht sonderlich schwer herzuleiten. Unsere Sinnesorgane sind für die Jäger und Sammler angepasst, die wir biologisch einst waren und heute noch sind. Und diese mussten nicht nur erfolgreich jagen, sie waren leider ebenso Objekt der Begierde von großen Tieren. Wer den Säbelzahntiger früher roch, hörte oder sah, wenn es im Unterholz knackte, hatte bessere Chancen, zu unserem Vorfahren zu werden. Wer dagegen nachts einen beneidenswert guten, entspannten Schlaf hatte, den auch ein Fauchen nicht wecken konnte, der bekam sehr viel seltener Kinder. Kurz: Ängstlichkeit und Sensibilität macht sich bezahlt! Die Sensiblen hatten bessere Karten im Überlebenskampf.

 


Schmerz und Bedrohung

Was bedeutet dies für den Schmerz? Laut Definition ist Schmerz "ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potentieller Gewebsschädigung verknüpft ist“ (International Association for the study of pain). Es ist der wichtigste Warnreiz des Körpers. Empfinden wir Schmerz, dann ist ein Schaden bereits eingetreten oder steht unmittelbar bevor.

 

Es gibt eine enge Beziehung zur Angst. Durch Angst wird das Schmerzempfinden intensiviert. Ein Arzt erlebt dies täglich. Finden kleine Eingriffe z.B. eine Spritze oder Blutentnahme in einer angstfreien, entspannten Atmosphäre statt, ist der Schmerz nur halb so groß. Wenn jedoch ein Patient nicht weiß, was ein Arzt gerade tut, ist er sich unsicher oder unzureichend aufgeklärt, dann steigt die Angst und damit auch das Schmerzempfinden.

Wie der Schmerz ist die Angst eines der  stärksten Warnsignale, das uns vor drohender Gefahr aus der Umwelt schützen soll. Der damit verbundene Impuls ist natürlicherweise die Flucht. Ist Schmerz  das „Nah-Gefühl“ für Bedrohung, ist die Angst das „Fern-Gefühl“, das bereits einsetzt, wenn die Bedrohung uns körperlich noch nicht erreicht hat. Dieser entwicklungsgeschichtlich alte „Gefahren-Radar“ dürfte bei vielen Tieren wohl recht ähnlich ausgeprägt sein.

Bezüglich des Fibromyalgiesyndroms heißt das: Schmerzen werden vor allem dann unerträglich, wenn sie mit dem Gefühl der Bedrohung, der Unsicherheit oder der Hoffnungslosigkeit verbunden sind. Häufig wird in der Forschung von „Katastrophisierung“ gesprochen, um diesen Risikofaktor für den Schmerz zu beschreiben.


Angst und Schmerz

Angst verstärkt also Schmerzen. Doch der Zusammenhang gilt auch umgekehrt. Dauerschmerzen verstärken die Angst, vor allem wenn die Schmerzen nicht erklärbar sind. Dabei spielt die Medizin des Öfteren eine unrühmliche Rolle. Im Verlauf einer FMS-Erkrankung kommt es häufig zu einer Verunsicherung der Patienten. Dazu tragen die Unzahl der Untersuchungen und die Unklarheit der Meinungen bei („4 Mediziner – 5 verschiedene Diagnosen“).

Geraten also Patienten in einen emotionalen Zustand, in dem sie sich bedroht, verunsichert oder angegriffen fühlen, dann steigt die Angst, und es setzt ein Mechanismus ein, der für unsere Vorfahren einst ein wichtiger Schutzfaktor war: eine allgemeine Schärfung der Sinne und der Sensibilität.