Doch auch weniger dramatische Schmerzen können auf der körperlichen Ebene einen Lernmechanismus anstoßen. Je länger und intensiver Schmerzen anhalten, desto mehr passt sich das Nervensystem in vielfältiger Weise an. Die gemeinsame Folge: erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Ein bekanntes Beispiel: Ein Tropfen Wasser auf den Kopf nehmen wir kaum war. Tropft es jedoch Stunden oder gar Tage immer wieder auf die gleiche Stelle, löst das unerträgliche Schmerzen aus („indianische Wasserfolter“).
![]() | |
Es kommt auf die richtige Zuwendung an! |
Schmerz wird jedoch auch in einer ganz anderen Weise „gelernt“. Gemeint ist hier das psychische und soziale Lernen. Schmerz erleben wir meist nicht auf der sprichwörtlich einsamen Insel. Meist spielt sich das unangenehme Erleben in einem sozialen, meist familiären Umfeld ab.
Je nachdem wie dieses soziale Feld auf unseren Schmerz reagiert, hat dies Konsequenzen auf unser Verhalten und Erleben, ob wir wollen oder nicht. Angenommen eine Mutter (die haben immer Schuld!) ist von Natur aus zurückhaltend und emotional verschlossen. Sie zeigt sich jedoch zuwendend und mütterlich, sobald sich ihr Kind verletzt hat oder krank ist. In so einem Fall, wird ein Kind versucht sein, die erwünschte Zuwendung möglichst häufig über den Weg „Schmerz“ zu erhalten. Es muss sich dieses Zusammenhangs nicht bewusst sein. Es „lernt“ diese Lektion völlig natürlich.
Solche Prozesse spielen natürlich auch im Erwachsenenleben eine Rolle. Chronische Krankheiten beeinflussen auch das Leben eines (Ehe-)Paares. Angenommen einem Mann (auch die haben manchmal Schuld) fällt es wie oft schwer, Gefühle und Zärtlichkeit zu zeigen. Dies gelingt ihm jedoch ausgezeichnet, wenn sein Frau ganz besonders unter Schmerzen leidet. Dann kümmert er sich rührend um sie, was sie dankbar annimmt. Hier lauert eine Falle! Schmerzen zu überwinden, kann nun Verzicht bedeuten. Für die Frau der Verzicht auf liebevolle Zuwendung, für den Mann auf die Erfahrung, Zärtlichkeit und Liebe zu schenken.