Anhaltspunkte für ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbindertengesetz

Herausgeg. v. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung

1996

 

Haltungs- und Bewegungsorgane, rheumatische Krankheiten

Allgemeines

 

Dieser Abschnitt umfaßt Haltungsschäden, degenerative Veränderungen, osteopenische Krankheiten, posttraumatische Zustände, chronische Osteomyelitis, entzündlich-rheumatische Krankheiten, Kollagenosen und Vaskulitiden sowie nichtentzündliche Krankheiten der Weichteile.

 

Der GdB/MdE-Grad für angeborene und erworbene Schäden an den Haltungs- und Bewegungsorganen wird entscheidend bestimmt durch die Auswirkungen der Funktionsbeeinträchtigungen (Bewegungsbehinderung, Minderbelastbarkeit) und die Mitbeteiligung anderer Organsysteme. Die üblicherweise auftretenden Beschwerden sind dabei mitberücksichtigt.

 

Außergewöhnliche Schmerzen sind ggf. zusätzlich zu berücksichtigen (siehe Nummer 18 Absatz 8, Seite 33). Schmerzhafte Bewegungseinschrankungen der Gelenke können schwerwiegender als eine Versteifung sein.

 

Bei Haltungsschäden und/oder degenerativen Veränderungen an Gliedmaßengelenken und an der Wirbelsäule (z.B. Arthrose, Osteochondrose) sind auch Gelenkschwellungen, muskuläre Verspannungen, Kontrakturen oder Atrophien zu berücksichtigen.

 

Mit bildgebenden Verfahren festgestellte Veränderungen (z. B. degenerativer Art) allein rechtfertigen noch nicht die Annahme eines GdB/MdE-Grades. Ebenso kann die Tatsache, daß eine Operation an einer Gliedmaße oder an der Wirbelsäule (z.B. Meniskusoperation, Bandscheibenoperation, Synovialektomie) durchgeführt wurde, für sich allein nicht die Annahme eines GdB/MdE-Grades begründen.

 

Haltungs- und Bewegungaorgane, rheumatische Kranheiten

 

Fremdkörper er beeinträchtigen die Funktion nicht. wenn sie in Muskel oder Knochen reaktionslos eingeheilt sind und durch ihre Lage keinen ungünstigen EinfluB auf Gelenke, Nerven oder GefäBe ausüben.

Der GdB/MdE-Grad bei Weichteüverletzungen richtet sich nach der FunktionseinbuBe ~ und der Beeinträchtigung des Blut- und Lymphgefäßsystems. Bei Faszienverletzungen konnen Muskelbrüche auftreten, die nur in seltenen Fällen einen GdB/MdE-Grad bedingen.

Bei den entzündlich-rheumatischen Krankheiten sind unter Beachtung der Krankheitsentwicklung neben der strukturellen und funktionellen EinbuBe die Aktivität mit ihren Auswirkungen auf den Allgemeinzustand und die Beteiligung weiterer Organe zu berücksichtigen. Entsprechendes gilt für Kollagenosen und Vaskulitiden.

Bei ausgeprägten osteopenischen Krankheiten (z. B. Osteoporose, Osteopenie bei hormonellen Störungen, gastrointestinalen Resorptionsstörungen, Nierenschäden) ist der GdB/MdE-Grad vor allem von der Funktionsbeeintrachtigung und den Schmerzen abhängig. Eine ausschließlich meßtechnisch nachgewiesene Minderung des Knochenmineralgehalts rechtfertigt noch nicht die Annahme eines

GdB/MdE-Grades.

Entzündlich-rheumatische Krankheiten der Gelenke und/oder der Wirbelsäule (z. B.Bechterew-Krankheit)

ohne wesenHiche Funktionseinschränkung

mit leichten Beschwerden ........................................10%

mit geringen Auswirkungen

(leichtgradige Funktionseinbußen und Be-

schwerden, je nach Art und Umfang des

Gelenkbefalls, geringe Krankheitsaktivität) ............20 - 40

mit mittelgradigen Auswirkungen

(dauernde erhebliche Funktionseinbußen

und Beschwerden, therapeutisch schwer

beeinflußbare Krankheitsaktivität) ...........................50- 70

mit schweren Auswirkungen

(irreversible FunktionseinbuBen, hochgra-

dige Progredienz) . ...............................................80-100%

 

Auswirkungen über sechs Monate anhaltender aggressiver Therapien sind ggf. zusätzlich zu berücksichtigen

 

Kollagenosen

(z.B. systemischer Lupus erythematodes, progressiv-systemische Sklerose, Polymyositis/Dermatomyositis)

Vaskulitiden (z. B. Panarterlitis nodosa, Riesenzellarteriltis/Polymyalgla rheumatica)

Die Beurteilung des GdB/MdE-Grades bei Kollagenosen und Vaskulitiden richtet sich nach Art und AusmaB der jeweiligen Organbeteiligung sowie den Auswirkungen auf den Allgemeinzustand, wobei auch eine Analogie zu den Muskelkrankheiten in Betracht kommen kann. Für die Dauer einer über sechs Monate anhaltenden aggressiven Therapie (z. B. hochdosierte Cortison-Behandlung in Verbindung mit Zytostatika) soll ein GdB/MdE-Grad von 50 nicht unterschritten werden.

Auch bei der Beurteilung nicht-entzündlicher Krankheiten der Weichteile (lokalisierte Formen oder generalisierte Formen (z. B. angeborene Störungen der Bindegewebsentwicklung, sog. Fibromyalgiesyndrom) kommt es auf Art und Ausmaß der jeweiligen Organbeteiligung sowie auf die Auswirkungen auf den Allgemeinzustand an.

Anmerkung: Die Definition der Fibromyalgie ist natürlich himmelschreiender Unsinn. Dies spielt jedoch keine große Rolle! Wichtig ist, daß die Fibromyalgie ausdrücklich erwähnt ist!