Therapie der Fibromyalgie
Teil 1
Mit dem folgenden Beitrag beginnt eine vierteilige Reihe zur Therapie der Fibromyalgie. Sie schließt an den Artikel in Heft ?/97 an, in dem es um das Körper/Seele-Verhältnis bei der Fibromyalgie ging.
Grundlagen
Die Therapie der Fibromyalgie ist von einem grundsätzlichen Dilemma geprägt: Die Ursache der Erkrankung ist letztlich nicht bekannt. Zwar kennen wir einige Elemente der Krankheitsentstehung, von einer einheitlichen Theorie dieses rätselhaften Geschehens sind wir jedoch noch weit entfernt. Derzeit kann man vermutlich das Vollbild der Krankheit am ehesten mit eine System von Teufelskreisen beschreiben, die sich gegenseitig bedingen und - leider - äußerst stabil für viele Jahre aufrecht erhalten können.
Ein sinnvolle Therapie sollte angesichts des derzeitigen Wissensstandes darauf gerichtet sein, diese Teufelskreise zu unterbrechen, um dem betreffenden Patienten neue, bessere Möglichkeiten der Lebensführung zu ermöglichen.
Dieser Ansatz bedeutet: Es gibt keinen alleinig richtigen Weg in der Therapie der Fibromyalgie, sondern viele Wege sind denkbar. Entscheident sind jeweils die persönlichen Gegebenheiten und letztlich der individuelle Erfolg.
Wenn im folgenden und in den nächsten Heften ein therapeutischer Weg beschrieben wird, so heißt das nicht, daß andere Wege falsch wären. Allerdings hat sich dieser Ansatz bei vielen hundert Patienten bewährt.
Therapieprinzipien
Für die Behandlung der Fibromyalgie gibt es aus meiner Sicht einige Grundsätze:
o Aktivität und Wissen über die Krankheit sind von Seiten des Patienten notwendige Faktoren für eine Therapieerfolg. Das gedankenlose Verschreiben und Einnehmen von Tabletten ist dagegen fast regelmäßig zum Mißerfolg verurteilt.
oJe umfassender das Umfeld des Patienten in eine Behandlung mit einbezogen ist, desto günstiger ist das Ergebnis. Besonders gilt dies für die nächsten Umgebung, also Ehepartner und Familie.
o Der Verlauf einer Besserung ist immer von Rückschlägen begleitet. Dies ist kein Widerspruch zu einer erfolgreichen Behandlung und kein Grund zur Resignation!
o Ein Therapieverfahren alleine ist in der Regel nicht ausreichend. Eine erfolgversprechende Therapie benötigt viele Elemente, die sich gegenseitig ergänzen (Polypragmasie).
o Erfolgversprechende Behandlung heißt: Nicht ungeplante Einzelbehandlungen sondern ein therapeutisches Team (Arzt, Krankengymnast, Masseur, Ernährungsberaterin...) sind der Partner des Patienten.
o Die innere Haltung des therapeutischens Teams ist eine partnerschaftliche. Patient und therapeutisches Team arbeiten Seite an Seite, um die Krankheit zu überwinden bzw. zu mildern.
Im folgenden möchte ich darstellen, wie Betroffene mit der Erkrankung umgehen können. Die Ratschläge und Tips können im Rahmen eines Artikels leider nicht auf alle Einzelheiten eingehen.
1. Aufklärung und innere Einstellung zur Krankheit
Der erste Schritt beginnt im Kopf. Sie betrifft die innere Einstellung, wie Sie mit der Erkrankung umgehen können. Einige Fakten sind wichtig:
o Sie haben ein klar umrissenes Krankheitsbild, das weltweit vorkommt. Es ist nicht Ihre Schuld, daß die Krankheit noch so wenig bekannt ist.
o Auch wenn Sie sich bedrückt oder depressiv fühlen, heißt dies nicht, daß die Krankheit seelisch bedingt ist (Sie sind nicht verrückt!). In aller Regel ist die schlechte Stimmung eine Folge der chronischen Schmerzen!
o Die Fibromyalgie ist eine Krankheit, die das Leben schwer beeinträchtigt, jedoch im großen und ganzen keine Veränderung der Körperstruktur bewirkt. Es gibt nie Spätschäden, Veränderungen der Gelenke, Verkrüppelungen usw. Sie werden ihretwegen auch nie im Rollstuhl sitzen.
o Die Diagnose der Fibromyalgie ist relativ einfach. Verzichten Sie daher nach der Diagnosestellung auf weitere umfangreiche Untersuchungen. Eine akut-entzündliche Erkrankung sollte jedoch ausgeschlossen werden. Hierzu genügen einige relativ einfache Laboruntersuchungen, wie sie von jedem Hausarzt durchgeführt werden. Lernen Sie zu akzeptieren, daß keine faßbaren körperlichen Veränderungen hinter der Erkrankung stehen. Je mehr Sie untersuchen lassen, desto mehr zufällige Ergebnisse gibt es. So kommt es nur zu Unklarheit und Verwirrung.
o Lassen Sie sich daher nicht verunsichern, wenn jemand, der das Krankheitsbild nicht kennt, die Beschwerden nicht nimmt. Für Ärzte ist es manchmal schwer zu akzeptieren, daß so heftige Beschwerden kein faßbaren organischen Befunde (Labor, Röntgen) zeigen.
o Mit Ihrer Erkrankung sind Sie nicht allein: Viele Menschen leiden darunter. Suchen Sie daher Kontakt zu andern betroffenen Menschen z.B. Selbsthilfegruppen.
o Langfristig wird eine Besserung der Erkrankung eintreten. Das kann viele Jahre dauern, aber in der Mehrzahl der Fälle lassen die Beschwerden nach.
o Sie selbst können etwas gegen die Erkrankung tun: Je aktiver Sie sich damit auseinandersetzen, desto besser sind Ihre Heilungschancen.
o Setzen Sie sich für den Anfang keine unrealistischen Ziele. Je nach Entwicklungsstand der Erkrankung, braucht es Zeit, Verbesserungen zu erreichen. Mit Hektik erreichen Sie nichts. Lassen Sie sich Zeit, Schritt für Schritt zu gehen.
o Versuchen Sie Ihrem Partner/Partnerin verläßliche Informationen über das Krankheitsbild zu geben. Er/sie ist manchmal fast genauso betroffen von der Krankheit, wie sie selbst. Ideal ist es, wenn der behandelnde Arzt, den Parter/Partnerin zeitweise in die Behandlung miteinbezieht. Regen Sie in Ihrer Selbsthilfegruppe an, ein Treffen der Partner zu machen. Auch diese müssen Sich einmal auszusprechen!
o Wenn Sie sich aktiv bemühen, werden die Beschwerden in aller Regel deutlich besser. Allerdings muß dies nicht unbedingt völlige Heilung bedeuten.
2. Entspannen - Loslassen
Bei der Therapie der Fibromyalgie geht es um die Beeinflussung von Regelkreisen. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist das Durchbrechen des Kreislaufes von Schmerz, Anspannung, Angst und neuem Schmerz.
Die Krankheit ist nicht der Feind
Dies beginnt mit einem weiteren, inneren Schritt: Versuchen Sie zu akzeptieren, daß die Krankheit derzeit noch stärker ist als Sie und sich nicht mit Gewalt bekämpfen läßt. Darüber kann man sich ärgern, aber man kann diese Beschwerden nicht ausradieren. Im Gegenteil, je mehr Sie kämpfen, desto größer wird Ihre innere Anspannung und werden damit auch Ihre Schmerzen.
Es geht nur auf freundliche Art und Weise: Bilden Sie mit Ihrem Körper ein Team und suchen Sie einen Ausweg aus der verfahrenen Situation.
Das Gleiche gilt für äußere Hilfe. Sie werden keinen Experten finden, der Sie auf einen Schlag von allen Beschwerden befreien kann. Falls Sie mit dieser Hoffnung zu Ärzten gehen, werden Sie regelmäßig bitter enttäuscht. Beim Versuch, die Krankheit mit immer härteren Mitteln zu attackieren, werden zum Schluß alle versagen und Verlierer sein. Solch aggressive Eskalationen kommen häufig vor: Fibromyalgie-Patienten werden dreimal häufiger operiert als vergleichbare Patienten mit anderen Schmerzzuständen. Die meisten Operationen sind völlig sinnlos und entspringen der Hilflosigkeit und Unwissenheit gegenüber der Krankheit.
Kleine Pausen
Bauen Sie in Ihren Alltag regelmäßige Pausen ein, in denen Sie kurz innehalten und überlegen, wie es Ihnen gerade geht.
Horchen Sie hierzu kurz in sich hinein, und stellen Sie fest, wie sich Ihr Körper anfühlt: Wie geht es dem Rücken, wie den Gelenken? Was sagt Ihr Bauch? Wie ist Ihre Stimmung?
Falls Sie zu dem Schluß kommen, angespannt zu sein, so atmen Sie einige Male tief durch. Versuchen Sie dabei loszulassen und nehmen Sie kurz zu Ihrem Körper Kontakt auf. Mehr brauchen Sie nicht zu tun! Das Ganze dauert höchstens eine Minute.
Wichtig ist, daß Sie sich immer wieder an die Pausen erinnern lassen. Es ist sinnvoll, sich kleine Hilfskonstruktionen zu bauen: Kirchenglocken können hier sehr segensreich sein. Wenn immer die volle Stunde schlägt, denken Sie an sich selbst! Oder Sie verbinden in Zukunft andere wiederkehrende Ereignisse mit einer kleinen Entspannungsphase: Sobald die Kinder aus dem Haus sind, bei Rotlicht an der Ampel, nachdem Sie den Briefkasten geleert haben, vor der Mittagspause. Kochen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee, und warten Sie bis er kühler geworden ist usw... Machen Sie es wie die Akkordarbeiter - ihnen steht pro Stunde ein kleine Pause für persönliche Bedürfnisse zu.
Entspannungsverfahren
Es ist sehr empfehlenswert, ein klassisches Entspannungsverfahren zu lernen. Dabei stehen viele Möglichkeiten zur Verfügung. Am bekanntesten ist das Autogene Training. Andere Verfahren sind die progressive Muskelrelaxation (schrittweise Muskelentspannung), verschiedene Hypnoseverfahren, Yoga, Meditation, katathymes Bildererleben, Biofeedback, Musiktherapie, Tai Chi, Atemtherapie und vieles mehr. Meist finden Sie reichhaltige Angebote in Volkshochschulkursen oder ähnliche Instituten. Schauen Sie sich das eine oder andere Verfahren an, und wählen Sie, was Ihnen sympathisch ist. Es soll Spaß machen, sonst werden Sie es kaum Zuhause regelmäßig weiterführen, was unbedingt notwendig ist. Religiösen Menschen kann ein Gebet oder eine stille Versenkung beim Betrachten der Natur Ruhe oder Ausgeglichenheit schenken.
Wichtig ist, daß Sie die Verfahren tatsächlich in Ihrem Alltag integrieren können. Das darf nicht mit Umständen verbunden sein. Üben Sie lieber nur zwei, drei Minuten (mehrfach) täglich als eine halbe Stunde am Sonntag.
Eine besondere Entspannungsmethode, nämlich eine Variante der Muskelrelaxation, ist so einfach, daß ich Sie Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sie besteht in einem ständigen Wechsel von Muskelanspannung und -entspannung. Probieren Sie es aus, während Sie diese Zeilen lesen.
Setzen Sie sich bequem hin. Die Übung beginnt bei den Armen. Machen Sie mit beiden Händen eine Faust, und spannen Sie Arme und Fäuste sehr kräftig, fast maximal, an. Halten Sie diese Spannung etwa 10 bis 20 Sekunden. Dies sollte anstrengend sein! Anschließend öffnen Sie die Fäuste, lassen die Arme in den Schoß fallen und lassen sie völlig locker. Spüren Sie, wie angenehm das ist? Atmen Sie tief ein, und lassen Sie genußvoll die ganze Luft aus sich heraus. Wiederholen Sie das tiefe Einatmen noch einmal. Das war es schon!
Nun kommen die Beine dran. Spannen Sie die Muskulatur der Beine maximal an, halten Sie die Anspannung über 10 bis 20 Sekunden, und lassen Sie danach erneut locker. Wieder atmen Sie zwei- bis dreimal tief ein und langsam aus. Es ist ähnlich entspannend, als ob Sie nach getaner Arbeit endlich im Sessel sitzen.
Nun wenden Sie sich dem Rücken und dem Bauch zu. Spannen Sie Bauch-, Rücken und Gesäßmuskulatur fest an und halten die Spannung. Das ist richtige Arbeit! Lassen Sie nochmals los und freuen sich am tiefen, entspannten Ausatmen.
Diese ersten drei Schritte können Sie überall durchführen. Im Zug, im Auto, mit einiger Übung auch in einer langweiligen Sitzung. Man sieht es kaum. Den vierten Schritt machen Sie besser, wenn Sie alleine sind. Hierzu spannen Sie Ihre Gesichts- und Halsmuskeln an Stören Sie sich dabei nicht Ihrer Grimasse! Wahrscheinlich werden reflektorisch auch Bauch und Rücken mit angespannt. Halten Sie diesen Zustand einige Sekunden, und lassen Sie dann unter erleichtertem Ausatmen los.
Das war die ganze Übung. Sie dauert nicht länger als zwei oder drei Minuten. Selbstverständlich können Sie das Verfahren auch etwas verändert durchführen, vor allem, wenn Sie es anders gelernt haben. Besonders angenehm ist es, wenn Sie dabei zusätzlich die Augen schließen.
(wird fortgesetzt)