Die vorherigen Artikeln zur Therapie der Fibromyalgie behandelten das komplexe Verhältnis von Seele und Körper sowie verschiedene Entspannungsverfahren.
Neben der inneren Einstellung und der seelischen Entspannung können auch äußere Faktoren das Loslassen fördern. Seit alters her werden daher verschiedenste Techniken und Hilfsmittel eingesetzt, die für Muskulatur und Nervensystem wohltuend sind. In der Medizin werden diese Maßnahmen oft als "physikalische" Therapie zusammengefaßt.
Bei der Behandlung der Fibromyalgie haben diese Verfahren einen hohen Stellenwert. Außerdem sind sie angenehm und machen (fast) immer Spaß! Das was wirksam ist, muß nämlich nicht immer nur schlecht schmecken oder schmerzhaft sein! Erfolgreiche Therapie kann im Gegenteil sehr viel Freude bereiten.
Wärme
Fibromyalgie Erkrankte sind in aller Regel äußerst verfroren. Wärme wird daher von ihnen fast in jeder Form als angenehm empfunden. Außerdem führt Wäre zu einer Entspannung schmerzhafter Muskeln. Vermutlich kommt es zu einer Durchblutungsverbesserung bei gleichzeitiger Herabsetzung der erhöhten Muskelanspannung in den betroffenen Bezirken. Möglicherweise werden auch die Schmerzfasern selbst günstig beeinflußt.
Erfolgreiche Wärmeanwendung kann recht unterschiedlich aussehen. Sie kann in einer Massagepraxis oder während eines Heilverfahrens als
Moor-, Fango-, Parafango, Thermalbad, Solebad, Stanger-Bad usw. durchgeführt werden. Leider sind in Zeiten knapper Mittel die Möglichkeiten oft sehr begrenzt. Dies gilt ganz besonders für Fibromyalgie-Patienten, die diese Verfahren nicht einmalig sondern regelmäßig über Monate oder Jahre benötigen.
Für viele Betroffene sind daher alle Verfahren von besonderer Bedeutung, die sich preiswert im Alltag alleine durchführen lassen. Dies hat vor allem den Vorteil, daß sie täglich durchführbar sind.
Fast in jedem Haushalt gibt ein Badewanne. Legen Sie sich regelmäßig in Ihre Wanne, und genießen Sie die Zeit ungestörter Ruhe. Badezusätze sind hierbei besonders angenehm und verstärken noch die Wirkung des warmen Wassers. Vielleicht schätzen Sie auch das "Kleopatra-Bad": Hierzu geben Sie ein oder mehrere Eßlöffel Olivenöl in ein halbes Glas Milch, und mischen Sie das ins Badewasser. Am besten klappt es, wenn Sie das Glas unter den Wasserstrahl halten. Die ägyptische Königin soll so Ihren sagenhaften Teint erhalten haben...
Wenn Sie keine Gelegenheit für ein Bad haben, kann ein ausgedehntes Duschbad nach einem anstrengenden Tag ein guter Einstieg in den Feierabend sein. Dazu ein Tip: Stellen Sie einen kleinen Hocker (mit Gummifüßen!) in die Dusche und lassen das warme Wasser lange über den Rücken strömen: Ein wahrer Genuß für die verspannte Muskulatur.
0 Solche Verfahren sind beispielsweise:
0 Moor-, Fango-, Parafango, Rotlicht, heiße Rolle, Thermalbäder, Solebäde
0 Badewanne ("Kleopatra-Bad"), langes Duschen, heiße Rolle, Rotlicht,
0 Kirschkernbeutel, Salzbeutel, heißer Sand
Sauna, Whirl-Pool
Auch die "heiße Rolle" ist ein schönes Verfahren, besonders bei Anspannungen im Bereich der Nackenmuskeln. Nehmen Sie dazu ein Handtuch, falten Sie es auf eine passende Größe und gießen Sie kochendes Wasser darüber. Wenn Sie einen Mikrowellenofen haben, können Sie dort ein feuchtes Handtuch sehr einfach erhitzen.
Äußerst angenehm für die verspannte Muskulatur kann ein Säckchen sein, das mit Kirschkernen, Weizen oder grobem Salz gefüllt ist. Solche locker gefüllten Wärmekissen lassen sich gleichfalls in der Mikrowelle oder Backofen erwärmen und speichern die Wärme milde und anhaltend. Manche Patienten legen sich diese Wärmespender während der Arbeit (z.B. am Computer) über den Nackenbereich.
Ähnliches gilt für Fango- oder Fango-Paraffin-Packungen, die es in der Apotheke gibt. Auch Rotlicht erfüllt einen ähnlichen Zweck.
Im Anschluß an die Wärmeanwendung sollten Sie die Muskeln lockern und dehnen.
Selbstverständlich ist auch die Sauna oder das Dampfbad eine hervorragende Maßnahme zur Muskelentspannung. Vor allem gilt das, wenn Sie dabei noch nette Gesellschaft haben. Es sollte Ihnen Spaß machen! Ich empfehle allerdings zwei Regeln: Gehen Sie nicht zu lange in die Sauna, denn Sie sollten sich danach nicht erschöpft fühlen. Für viele Menschen reicht ein Saunagang von 10-15 Minuten Dauer völlig aus. Wenn Sie es einrichten können, gehen Sie lieber öfters in kürzeren Zeitabschnitten. Außerdem ist es für den Kreislauf günstig, wenn Sie sich unmittelbar nach dem Verlassen der Sauna abkühlen (kalte Dusche, Tauchbecken). So werden die Hautgefäße maximal trainiert.
Einen Whirl-Pool werden Sie vermutlich nicht zuhause haben, doch sollten Sie diese Art der Wärmeanwendung einmal ausprobieren, wenn sich Ihnen einmal die Gelegenheit dazu bietet.
Die Anwendungen nach Pfarrer Kneipp sind eine weitere Ergänzung. Wenn es hierbei zuhause auch Grenzen gibt, sollten Sie zumindest folgendes beherzigen: Lassen Sie nach jeder warmen Anwendung eine kalte folgen. Gewöhnen Sie sich daran, erst lange warm und anschließend kurz eiskalt zu duschen. Am besten geht das, wenn Sie mit dem kalten Wasser an Armen und Beinen beginnen. Zum Schluß sind dann der Körper und das Gesicht an der Reihe. Das bringt Ihren Kreislauf in Schwung!
Mit Bewegungsübungen im Thermalwasser haben Sie gleich mehrere positive Effekte kombiniert: Muskelentspannung durch Wärme, Schwerelosigkeit im Wasser und ein Trainingseffekt durch Bewegung. Ein Besuch im Thermalbad gehört daher zum Besten, was Sie für sich tun können. Allerdings wohnen nicht alle Menschen in der Nähe eines Badeortes. Erkundigen Sie sich daher nach Warmbadetagen, die es in vielen öffentlichen Schwimmbädern gibt.
Mit Wärmeanwendungen machen Sie selten etwas falsch, außerdem macht diese Art der Therapie fast immer Spaß! Und das wird Ihnen sicherlich gut tun! Es gibt nur eine Ausnahme. Bei einer akuten Entzündung ist Wärme ungünstig. Aber das werden Sie schnell selbst feststellen: Sie haben hinterher größere Beschwerden.
Wärme bewirkt eine...
Herabsetzung der Muskelanspannung
Verbesserung der Durchblutung
Auflockerung des Bindegewebes
Blockierung der Schmerzleitung
Beeinflussung zahlreicher Nerven, Muskelrezeptoren
Seelische Entspannung
Kälte
Die meisten Fibromyalgie-Kranken schätzen Wärmeanwendungen sehr, da sie sehr zum Frösteln neigen. Doch kann auch mit Kälte ein überaus positiver Effekt erzielt werden. Dies gilt vor allem bei akuten Entzündungen. Je unvermittelter ein Symptom aufgetreten ist, desto günstiger kann es mit Kälte therapiert werden. Sie kennen das alle von Sportverletzungen. Kaum hat sich ein Fußballer verletzt, ist bereits der Masseur bei ihm, und behandelt ihn mit Kältespray. Das wirkt dann wirklich Wunder.
Die Fibromyalgie ist keine Entzündung. Daher kann man mit den üblichen Eispackungen meist wenig erreichen. Im Gegenteil, die Schmerzen in der Muskulatur nehmen noch zu. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Vor allem im Bereich der Nervenaustrittspunkte im Nackenbereich oder an den Schläfen, wirkt ein Kältepack sehr angenehm. Durch die intensive Kälte kommt es zu einem Abschwellen und damit einer Entlastung der bedrängten Nerven (siehe S.**).
Experimentieren Sie, ob Kälte Ihnen einen Vorteil bringt. Die Anwendung ist einfach. Am praktischsten sind kleine flüssigkeitsgefüllte Plastikbeutel, die es in der Apotheke als Kältepack zu kaufen gibt. Diese lagern Sie dann einige Zeit im Tiefkühl- oder Eisfach Ihres Kühlschranks. Sie können jedoch auch ein feuchtes Handtuch einfrieren. Bringen Sie es zuvor in die Form, in der Sie es dann auf die entsprechende Körperpartie (z.B. Nacken) legen möchten. Auch ein Eisbeutel hat sich bewährt.
Leider wird diese Art der Kälte leicht unangenehm und nach kurzer Zeit als schmerzhaft empfunden. Wickeln Sie deshalb den Eispack oder Eisbeutel in ein Handtuch ein.
In den letzten Jahren suchte man nach neuen Wegen der Kältetherapie. Die Kaltlufttherapie machte viel von sich reden: Hierbei wird nicht mehr mit Eis oder Wasser gekühlt, sondern mit sehr kalter Luft. Es gibt verschiedenartige Geräte, die aus einem Schlauch kalte Luft bzw. Stickstoff abgeben. Die Temperatur schwankt zwischen wenigen Grad Celsius bis etwa 150° unter Null! Technisch wird die Kälte entweder nach dem Kühlschrank-Prinzip erzeugt, oder man läßt flüssigen Stickstoff (-196°C) verdampfen und bläst das kalte Gas dann aus dem Gerät heraus.
Trotz der sehr niedrigen Temperaturen ist diese Art der Kälte angenehmer, da Luft wenig leitet. Außerdem kann man schon mit Kühlzeiten von wenigen Minuten gute Effekte erzielen, indem man die schmerzhafte Körperpartie in den kalten Luftstrom bringt und dort gleichförmig mit der Kaltluft bestreicht.
Eine ganz besondere Art der Kälteanwendung ist die Ganzkörperkältetherapie. Dieses moderne Therapieverfahren wurde erst vor wenigen Jahren in der Rheumatherapie eingeführt. Man benötigt dazu eine sog. Kältekammer, die auf eine Temperatur von -110°C bis -150°C gebracht wird, ähnlich einer Sauna, nur daß hier kräftig gekühlt wird. Die Patienten halten sich etwa 2-3 Minuten in Badekleidung darin auf. Das hört sich schlimmer an als es ist! Die große Kälte empfinden die meisten Menschen sofort als angenehm, ähnlich, wie wenn man aus einem warmen Haus in eine klirrend kalte Nacht hinaustritt, und der Kopf dabei erfrischend frei wird.
Lediglich zum Schutz der Hände und Füße werden Handschuhe und Schuhe getragen. Auch ein Ohrenschutz und ein kleiner Mundschutz ist hilfreich, sonst wird es an diesen Stellen empfindlich kalt.
Die Ganzkörperkältetherapie ist ein großer Fortschritt. Die meisten Patienten berichten unmittelbar nach der Behandlung über eine sofortige Besserung. Der positive Effekt hält erfreulicherweise meist länger an. Nach einer mehrwöchigen täglichen Therapie haben sich bei der Mehrheit der Kranken das Allgemeinbefinden und die Schmerzen über Wochen oder z.T. sogar Monate hinweg gebessert.
Der Hintergrund ist folgender: Durch die intensive Kälte kommt es zu einer Umstellungsreaktion im Körper mit einer vielfältigen Beeinflussung der Neurotransmitter im Zentralnervensystem. So scheint die Kältetherapie auf den Serotoninspiegel günstig einzuwirken. Wahrscheinlich sind diese Veränderungen für die Verbesserung der Schmerzempfindung von ausschlaggebender Bedeutung.
Kälte führt zu einer...
Verminderung der Schmerzleitung (Soforteffekt!)
Verminderung der Schmerzempfindlichkeit
Abschwellung des Gewebes (anti-ödematöser Effekt)
Hemmung von Entzündungen
Normalisierung von erhöhter oder verminderter Muskelspannung
Verbesserung des Allgemeinbefindens
Massagen
Auch die passive Bewegung kann einen positiven Beitrag zur 'Therapie leisten. Klassische Massagen (vor allem im Wirbelsäulenbereich), Unterwassermassagen oder passive Bewegungsübungen sind für viele muskelverspannte Menschen eine Wohltat. Nützen Sie das Verfahren, sofern die Möglichkeit dazu besteht. Besonders die Massage der Wirbelsäule hat sich als äußerst effektiv erwiesen.
Wenn Sie keine Möglichkeiten zur Massage haben, bitten Sie verständnisvolle und geschickte Familienangehörige oder Freunde um Hilfe. Eine leichte Streichmassage kann nach einem langen Tag eine gute Möglichkeit der Entspannung sein.
Dabei gibt es jedoch eine Besonderheit: Ist das Gewebe sehr verhärtet, dann sollte die Massage sehr vorsichtig erfolgen, sonst haben Sie hinterher verstärkt Schmerzen. Stellen Sie dann die Massagen noch etwas zurück, oder bitten Sie Ihren Masseur/Masseurin, etwas sanfter zu verfahren.
Bei der Massage kann maschinelle Unterstützung hilfreich sein. Es gibt eine Reihe von Massagegeräten zur Lockerung der Muskulatur (Vibratoren), die Sie zur Selbsthilfe einsetzen können.
Apparative Therapieformen
Viele weitere physikalische Therapieverfahren ermöglichen weitere Fortschritte. Die meisten dieser Behandlungsarten sind für die Anwendung zuhause ungeeignet und werden in Kliniken und entsprechenden Praxen angeboten. Ich möchte sie nur kurz erwähnen, da ihre Anwendung jeweils vom Einzelfall abhängt. Beispiele solcher Verfahren sind: Stangerbad, Ultraschalltherapie, Reizstromtherapie, nieder- und mittelfrequenter Wechselstrom, neofaradischer Schwellstrom und andere mehr.
TENS
Zur Schmerzbehandlung läßt sich eine Form der Elektrotherapie besonders gut zuhause einsetzen: TENS, die transkutane Elektro-Nerven-Stimulation. Bei diesem Verfahren werden kleine Gummielektroden über den schmerzhaften Muskelbezirken befestigt und an ein kleines Gerät angeschlossen, das kaum größer als eine Zigarettenschachtel ist. Dieses gibt elektrische Impulse an die Hautelektroden ab.
Der Anwender spührt die Wirkung als leichtes Kribbeln auf der Haut. In vielen Fällen läßt sich der Schmerz durch die Behandlung nicht nur überdecken sondern läßt bei regelmäßiger Anwendung tatsächlich nach.
TENS ist ein besonders alltagstaugliches Verfahren, da sich das kleine Gerät leicht am Gürtel oder der Kleidung befestigen läßt. So kann man es über viele Stunden anwenden und sich gleichzeitig dabei frei bewegen.
Akupunktur
Die Akupunktur gehört eigentlich nicht zu den physikalischen Verfahren, doch sei sie an dieser Stelle erwähnt, da zumindest eine Teil ihrer Wirkung mit TENS zu vergleichen ist. In beiden Fällen kommt es zu einer Beeinflussung der "Endorphine" im Körper. Das sind körpereigene Substanzen, die ähnlich wie Morphium sehr stark unsere Schmerzempfindung herabsetzen.
Nach meiner eigenen Erfahrung und nach verschiedenen Studien läßt sich mit Akupunktur in vielen Fällen ein guter z.T. auch sehr guter Effekt erzielen. Erwarten Sie allerdings nicht, daß Sie bereits nach einer einzigen Behandlung völlig schmerzfrei sind. Erst nach einer Reihe von Behandlungen (6-10) können Sie abschätzen, ob dieses Verfahren für Sie geeignet ist.