Kosten der Fibromyalgie
Das derzeitige Wissen über die Kosten der Fibromyalgie ist leider noch lückenhaft. Dies hat mehrere Gründe:
Das Krankheitsbild wird vergleichsweise selten diagnostiziert, da das Wissen in der Ärzteschaft noch wenig verbreitet wird.
In der Statistik der Krankenkassen ist
die Diagnose "Fibromyalgie" bzw. "generalisierte Tendomyopathe"
somit praktisch nicht existent.
Wegen der Vielgestaltigkeit der Symptomatik
erscheint die Fibromyalgie unter völlig unterschiedlichen Diagnosen
in den verschiedensten Fachdisziplinen. (z.B. Neurologie: Migräne,
Gynäkologie: Prämenstruelles Syndorm, Orthopädie: Lumalgie,
Innere Medizin: Reizdarm, Psychotherapie: Psychovegetative Dysfunktion,
Urologie: Reizblase usw.)
Somit entsteht der Eindruck, die betroffenen
Patienten/Patientinnen würden unter einer Vielzahl von jeweils unabhängigen
Krankheiten leiden, was jedoch nicht der Fall ist.
Was ist an Daten bekannt?
Direkte Kosten
In der Literatur wird die Häufigkeit der Fibromyalgie mit 1-4% der Bevölkerung angegeben, wobei Frauen mit 80-90% deutlich überwiegen. Versucht man die Kosten zu schätzen, muß man zwischen den direkten und indirekten Kosten unterscheiden. In einer aktuellen Studie aus den USA (1997 siehe Anlage) werden die direkten Kosten (Arztbesuche, Medikamente usw.) mit $ 2274,- (ca. DM 3700,-) angegeben.
Eine ältere schweizer Studie (Anlage) gibt die direkten Kosten für alle rheumatische Erkrankungen mit 0,5% des Bruttosozialproduktes an. Der Anteil der Fibromyalgie wird mit ca. 15-30% geschätzt. Bei einerm BSP von 3511 Milliarden DM für Deutschland 1996 (Anlage) entspräche das ca. zwischen 2,6 und 5,2 Milliarden DM.
Vergleicht man die beiden Zahlen liegen die neueren Zahlen aus den USA etwas höher als die ältere schweizer Studie. Auf Deutschland übertragen würde dies zwischen 2,9 bis 11,8 Milliarden DM bedeuten. Bemerkenswert ist, daß beide Studien trotz der unterschiedlichen Nationen und Zeiträume in der gleichen Zahlendimension liegen. Dies spricht für ihre Verläßlichkeit zumindest in einer ersten Annäherung.
Indirekte Kosten
Neben den direkten Krankheitskosten entstehen auch indirekten Kosten (vor allem durch Renten und Arbeitsausfälle), die mit dem dreifachen der direkten Kosten angenommen werden. Damit würden zusätzlich etwa 7,8 - 15,6 Milliarden Dm bzw. 8,7 - 35,4 Milliarden DM je nach Zahlenbasis anfallen.
Dieser Betrag erscheint zweifelslos sehr groß, insbesondere, da die Diagnose "Fibromyalgie" in Deutschland eine Rarität ist. Als "offizielle" Diagnose werden in häufiger Unkenntnis der Erkrankung eben chronische Rückenschmerzen, Lumbago, Migräne, Erschöpfungszustände, larvierte Depressionen und ähnliches aufgeführt.
In Norwegen, wo die Diagnose "Fibromyalgie" häufiger gestellt wird, ist sie dagegen die häufigste Berentungsursache (7,2%) bei Frauen!
Überflüssige Diagnostik
Ein ganz wesentlicher Teil der entstehenden Kosten entfällt bei der Fibromyalgie auf unnötige Diagnostik. - Die korrekte Diagnose der Fibromyalgie ist vergleichsweise schnell und preiswert zu erstellen. Im Vordergrund steht ein etwas längeres ärztliches Gespräch und eine körperliche Untersuchung. Ergänzt wird dies durch einige Laboruntersuchungen und ggf. bildgebende Verfahren in Zweifelsfällen. In einer knappen Woche ist die Diagnose weitgehend sicher zu stellen.
Die gegenwärtige Praxis steht jedoch in denkbaren Gegensatz zu dieser Tatsache. Derzeit liegt zwischen Beginn der Symptomatik und der korrekten Diagnose durchschnittlich ein Zeitraum von 7 Jahren! In dieser Zeitspanne wandern die Patienten von Arzt und Arzt auf der Suche nach einer Erklärung für die rätselhaften Symptome.
Hierbei kommt es nicht nur zu zahllosen Bestimmungen immer wieder der gleichen Laborwerte, sondern zu immer ausgefallenen (und teuren) diagnostischen Verfahren. Durch die anhaltende Diskrepanz zwischen ausgeprägtem Leiden und fehlendem Befund werden nicht nur die meisten Körpergelenke geröngt sondern Computertomogramme, Kernspintomogramme, Szintigramme, unzählige Sonogramme, endoskopische Untersuchungen und vieles mehr zur Diagnostik eingesetzt. Nicht selten sind es die Patienten, die schließlich resigniert entscheiden, auf weitere Diagnoseversuche zu verzichten.
Das Ausmaß und die Kosten dieser jahrelangen Bemühungen sind bisher nicht untersucht. Aus eigenen, unsystematischen Erhebungen erscheinen die entstandenen Aufwände jedoch erheblich z.T. exzessiv zu sein. Bei einzelnen Patienten konnten (unnötige) Diagnosekosten von einigen zehntausend Mark rekonstruiert werden.
Überflüssige Therapien
Die anerkannt wirksamen Therapiemöglichkeiten der Fibromyalgie sind derzeit relativ begrenzt. Sie beschränken sich auf eine Reihe vergleichsweise einfacher Maßnahmen:
Eine geringe Anzahl an Medikamenten
(Antidepressiva, wenige Analgetika, evtl. Muskelrelaxantien)
Stützende Psychotherapie bzw. begleitende
ärztliche Gespräche
Entspannungsverfahren
Physikalische Therapie (Krankengymnastik,
balneologische Maßnahmen, z.T. Massagen)
Kältekammer
Muskelaufbautraining
Therapeutische Lokalanästhesie,
Akupunktur und einiges mehr.
Wiederum gilt, daß die derzeitige Alltagsrealtät in denkbaren Gegensatz hierzu steht. Patienten, die an Fibromyalgie leiden, erfahren in aller Regel eine Unzahl von mehr oder weniger überflüssigen und gelegentlich auch schädlichen Therapieformen. Zahlen liegen hierfür nicht vor. Ein Hinweis auf das Ausmaß von überflüssigen Behandlungsversuchen ist die Tatsache, daß diese Patientegruppe etwa dreimal (!) häufiger als altersentsprechende Vergleichsgruppe operiert werden. Ähnliches gilt für die Dauer von Krankenhausaufenthalten.
Welche Kosten - vor allem in der Zeit vor der Diagnosestellung - entstehen kann nicht annähernd geschätzt werden, sie dürften jedoch erheblich sein.
Zusammenfassung
Durch das fehlende Wissen über korrekte Diagnose und Therapie der Fibromyalgie entstehen derzeit hohe Kosten im Gesundheitswesen, die derzeit nur in ungefähren Größenordnungen abschätzbar sind. Versucht man eine erste Annäherung der direkten (Arztrechung, Arzneimittel usw.) und indirekten (Arbeitsausfall, Renten) Kosten so ergeben sich Beträge von 10,4 bis 47,2 Millarden DM. Hinzu kommen noch die Kosten der unnötigen Diagnostik und der überflüssigen Therapie, die vermutlich in ähnlicher Dimension hinzuzurechnen ist.
Bedauerlicherweise muß davon ausgehen, daß der größte Teil der so entstandenen Kosten diagnostisch und therapeutisch weitgehend nutzlos ausgegeben werden. In einer Zeit knapper Ressourcen im Gesundheitswesen kommt es so zu einem finanziellen Engpaß für therapeutisch effektives Eingreifen.