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E.-coli-Bakterlophagen assozliert
mit primärem
Fibromyalgiesyndrom

Begründete Hypothese für Pathogenese und Verlauf

VON TH. HEY, A. BREULL, G. C, FISCHER UND W. VERHAGEN

Das Fibromyalgiesyndrom (PFS) bedeutet für Ärzte in der niedergelassenen Praxis täglich eine neue Herausforderung, denn ; eden Tag sitzen uns Patienten mit dieser belastenden Symptomatik gegenüber. Eine Ursache für die Entstehun~ dieser Krankheit ist bisher nicht bekannt. Dies war für mich der Anlaß, mit meinen Möglichkeiten die Pathogenese neu zu hinterfragen.

Beim PFS ergeben BSG, Blutbild, RF, CRP, CK sowie internistische, orthopädische und röntgenologische Diagnostik keinen pathologischen Befund. Allein die Tender-points (nach dem ACR-Schema) können vom Untersucher als typische Symptomatik festgestellt werden. Therapieversuche ließen sich nur symptomatisch mit Analgetika, Antirheumatika, trizyklischen Antidepressiva und ausführlicher Aufklärung über das Krankheitsgeschehen mit intensiver Zuwendung zum Patienten durchführen.

Vorausgehende Untersuchung: Bei den betroffenen Patienten meiner Praxis wurde, nachdem die o. g. Diagnoseschritte abgelaufen waren, die Frage nach einer Virusgenese gestellt. Die daraufhin durchgeführten Antikörperbestimmungen auf Coxsackie-B-, Herpes-simplex-, Varicella-zoster-, Entero-, Adeno- sowie Epstein-Barr-Viren lieRen jedoch keinen Krankheitszusammenhang erkennen. Auch bei dem Versuch der Virusanzüchtung auf Hühnereiweiß aus Blut, Urin, Stuhl und Rachenspülwasser konnten keine Viren nachgewiesen werden. Nach Beratung mit der Abteilung für Virologie der Med. Hochschule Hannover wurde mir als praktisch letzte diagnostische Möglichkeit die elektronenmikroskopische Stuhluntersuchung angeraten. Dieser Dingnoseschritt erbrachte bei den ersten fünf Patienten den Nachweis von massenhaft Bakteriophagen im Stuhl. Dabei handelte es sich um T-Phagen, d. h. für E.-coli-spezifische Phagen.

Die Fragestellung lautete nun: Können Bakteriophagen vom theoretischen Ansatz her überhaupt der menschlichen Körperzelle schaden? Bakteriophagen sind bakterienpathogene Viren Sie bestehen aus Nukleinsäure und eine~ umgebenden Proteinhülle (Abb. 1), Ihr~ Vermehrung erfolgt im Inneren de Bakterienzelle nach spezifischer Ad sorption an die Zellwand und Ein schluß der Virus-DNA in die E. coli Nach der Infektion können zwei Weg/ derVirusvermehrung stattfinden: 1. So fortige Reproduktion der Virus-DN im Inneren der E. coli, wobei sich di Wirtszelle durch die Virusproduktio verbraucht und stirbt. Dabei werde die neu entstandenen Viren freigege ben. Dieses nennt man die lytische Pha se. 2. Das Phagen-Genom kann an di' E. coli-DlSA angelagert und bei jede E. coli-Teilung mit weitergegeben wer den. Dieses nennt man die Iysogen' Phase. Diese sog. Ruhephase kam durch noch nicht bekannte Faktoren i, die aktive, Iytische Phase wechseln B eim Zerfall der E. coli werden Lipopo lysaccharide mit dem hochtoxische~ Endotoxin Lipid-A freigesetzt. Diese Endotoxin muß als unmittelbar schädi gend für den menschlichen Körper an gesehen werden.

Prospektive Studie: Es wurden darauf hin innerhalb von zweiJahren 272 kon sekutive Patienten mit PFS aus meine



Praxis dieser Stuhldiagnostik unterzogen, die bereits auf Grund ihrer belastenden Symptomatik bereit waren, sich der gesamten beschriebenen Diagnostik zu unterziehen (Patientengruppe A). Als Kontrollgruppe (C) dienten 4185 Stuhluntersuchungen aus der Abt. für Virologie der MHH. Aus der Praxisgruppe A wurden 63 Patienten (Gruppe B) ausgewählt, von denen mindestens drei Stuhlproben - im akuten Krankheitsverlauf gewonnen - vorlagen. Eine praxiseigene Kontrollgruppe (Gruppe D) von 30 Patienten, die eindeutig nicht am PFS litten, wurde dagegengestellt (Tabelle 1).

Resultate: Spezifische Coli-Phagen wurden bei 225 der 272 (= 82,7%) Patienten in der Gruppe A nachgewiesen. Die Kontrollgruppe C der MHH zeigte nur bei 520 von 4185 Patienten (= 12,4%) einen Phagenbefall (Unterschied hochsignifikant).

In der "ausgewählten" Patientengruppe B war der Phagennachweis mit 98,4% (62/63 Patienten) in einem noch höheren Prozentsatz möglich. Der Phagennachweis in der Praxiskontrollgruppe D (13,3% ) entsprach dem der Kontrollgruppe C der MHH (12,4%).

Gleichzeitig wurden in der Abt. für Immunologie der MHH im Serum der Patienten (Gruppe B) die Endotoxine (LPS und Lipid-A) und die spezifischen Antikörper gegen LPS und Lipid-A sowohl in der IgM- als auch in der IgG-Form bestimmt (Tabelle 2).

Nur bei sieben (11,1% der 63 Patienten konnter Endotoxine im Serurr nachgewiesen werden Dagegen waren die Antikörper gegen LPS und Lipid-A hochsignifikant erhöht im Vergleich zur Blutspenderkontrollgrupp~ (BSKG).

Schloßfolgerung

Obwohl diese Ergebnisse einer Bestätigung durch weitere Studien bedürfen. Iäf t sich aufgrund der vorliegenden Daten folgend~ begründete Hypothese aufstellen:

Die Krankheitsursache und der typische alternierende Verlauf der Fihromyalgie können als Ausdruck einer im Darm stattfindenden Bakteriophageninduzierten Lyse von E. coli, der daraus resultierenden Endotoxinfreisetzung im Darm und deren Resorption via Darmwand in den Blutkreislauf gewertet werden. Dafür spricht auch der Nachweis von Endotoxin-Antikörpern im Serum.

Somit wird das Krankheitsgeschehen in Gang gesetzt durch die alimentäre T-Phagen-Aufnahme (direkt oder in E-coli-Bakterien), deren Ansiedlung und Vermehrung im Darm. Durch die Lyse der E.-coli-Bakterien und Freisetzung der Endotoxine beginnt für den betroffenen Patienten das eigentliche pathogenetische Geschehen.

Die durch Phagen induzierte Endotoxinfreisetzung im Darm und die Resorption von Lipid-A in den Blutkreislauf sind bisher nicht als pathogenetisch gesehen worden. Andererseits gelten schon 10 Picogramm Lipid-A pro ml Serum als hochtoxisch! Diese Zusammenhänge könnten das vielfältige Krankheitsgeschehen der Fibromyalgie mit seinem chronisch alternierenden Verlauf verständlich machen.

Für die Verfasser: Dr. med. Theophil Hey, Braustraße 3, D-31 675 Bückeburg.

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